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   Einige ausgewählte "SWR2-ZEITWORTE"
           von Lutz Neitzert

                                            
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I) ELVIN JONES  
II) LILI MARLEEN    
III) SEX PISTOLS    
IV) ROLLING STONES ("Altamont")
V) BILL HALEY     
VI) FEHMARN-FESTIVAL
VII) DIE ERSTE DEUTSCHE TALKSHOW     
VIII) UNSER DORF SOLL SCHÖNER WERDEN
IX) DIE "CHAOSTAGE" DER PUNKER
X) CLEMENS WILMENROD - Der erste FERNSEH-KOCH
XI) "BELA LUGOSI is dead"
XII) ALLEN GINSBERG rezitiert "HOWL"
XIII) MEZZ MEZZROW
XIV) ARCHIE SHEPP
XV) Der "WELTREKLAMEKONGRESS" 1929
XVI) Das Ende des legendären Hippiezentrums "PERRY LANE" 1963     (mit einer Mail von Ken Kesey !)
XVII) WILDFÜTTERUNG IM HARZ anno 1957 (ein früher TV-Hit)
XVIII) Die erste MAZ in der Geschichte des Fernsehens
XIX) Der FLOHWALZER
XX) Zum Plagiatsprozeß JÜRGEN WINTER vs GARY MOORE - "Still got the Blues / Nordrach"
XXI) CANNONBALL ADDERLEY & JOE ZAWINUL - "MERCY MERCY MERCY"
XXII) BLIXA BARGELD kocht in ALFRED BIOLEK's "Alfredissimo" ein TINTENFISCHRISOTTO
XXIII) CHET BAKER stirbt
XXIV POPPER sind proper !
XXV     IN DER WALPURGISNACH 1988 TREFFEN SICH IN POTSDAM DIE GRUFTIES & GOTHICS  DER DDR
XXVI   IN DER DDR GEHT AM 7. MÄRZ 1986 DAS "JUGENDRADIO DT 64" AUF SENDUNG
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SWR-"ZEITWORT"  vom 9.9.97
 GEBURTSTAG DES JAZZSCHLAGZEUGERS ELVIN JONES AM 9.SEPTEMBER 1927
                                            (von Lutz Neitzert)

Der Schlagzeuger als tiefernster Mensch!
Nein, das hatte es zu den Zeiten des Swing nun wirklich nicht gegeben. Und so wartete dann in den 50er Jahren ein oftmals wenig geneigtes und eher befremdetes Publikum im Jazzclub allabendlich vergebens darauf, daß der Trommler doch endlich ein bißchen Zirkus machen würde. Damals waren die Musiker einer neuen Generation dabei, ihrer Musik eine neue Atmosphäre zu schaffen und sich dazu einen aufmerksameren Zuhörer zu erziehen. Und dabei spielte vor allem der Schlagzeuger eine ganz entscheidende Rolle.
Zunächst hatte man in den 40er Jahren, im Bebop, aufgehört, den Grundschlag der Musik auf der großen Baßtrommel zu spielen und ihn stattdessen auf das Becken, ausgerechnet die leiseste Stelle des Instrumentes also, verlegt - um so den Tänzern ein Schnippchen zu schlagen.
Fortan hörte der moderne Jazz zwar auf, eine populäre Musik zu sein, doch um diesen Preis hatte man sich jene Freiräume erobert, in denen man nun selbstverantwortlich und ohne jede Rücksicht auf kommerzielle Interessen experimentieren konnte.
Einer der ersten Schlagzeuger, die diese neuen Möglichkeiten konsequent und wohldurchdacht nutzten, war ELVIN JONES.
Heute vor 70 Jahren, am 9.September 1927, in Pontiac/Michigan geboren, betrat er die Szene, als die Revolution bereits stattgefunden hatte und es galt, etwas neues aufzubauen.
 

(Elvin Jones' Solo"aus der "Drumnight at Birdland")
 

In jungen Jahren gehörte er zusammen mit seinen Brüdern, Hank & Thad Jones, zu den tonangebenden Interpreten des Jazzlebens in Detroit - einer rührigen Szene, in der sich alle die neuen Stars (von Wes Montgomery über Clifford Brown bis zu Miles Davis) gerne blicken und hören ließen.
Es war ein exklusiver Zirkel von Eingeweihten damals, und so sprach sich sein Talent  schnell herum. Er wurde zum gesuchten Begleiter und spielte in den stilprägenden Gruppen von Charles Mingus, Sonny Rollins und Bud Powell, ehe ihn dann 1960 der Saxophonist John Coltrane in sein Quartett nahm.
Damit saß er nun mitten im Zentrum der musikalischen Zeitläufte.
 Daß die Wahl Coltrane's gerade auf ihn fiel, das lag wohl auch daran, daß er zu jener Fraktion des modernen Jazz zählte, die zwar experimentieren wollte, dabei jedoch immer mit Bedacht zu Werke ging  -  und stets mit der Angst im Nacken, auf der Suche nach dem neuen zuviel über Bord zu werfen.
Viele neue Idiome wurden damals in den Jazz integriert  -  Einflüsse asiatischer und afrikanischer Musiktraditionen ebenso wie aus der avantgardistischen Konzertmusik.
Und für einen Schlagzeuger bedeutete dies vor allem auch, daß das Ensemblespiel nun wichtiger wurde (und in der Gemeinde auch mehr Beachtung fand) als das artistische Solo.
Der Persönlichkeit und dem musikalischen Credo von Elvin Jones entsprach diese neue Rolle in idealer Weise.
Er besaß nicht das Showtalent der alten Bigband-Trommler  -  stattdessen konzipierte und erprobte er immer komplexere Rhythmen, immer raffiniertere Möglichkeiten des Zusammenspiels.
Und so folgte er Coltrane über legendäre Plattenaufnahmen (wie "My favorite Things" oder "A Love supreme")  bis zu der Schwelle, die er dann nicht mehr bereit war, zu überschreiten.
1965 wagte sein Bandleader (mit einigen Skrupeln zwar, aber von der Folgerichtigkeit überzeugt) den Weg in den freien, den Free-Jazz.
Darin nun sollte der Schlagzeuger in seinem Spiel verzichten auf das Fundament eines durchgängigen Taktes.
Die Kunst von Elvin Jones aber lebt gerade von jener Spannung, die darin entsteht, daß man ein einfaches, gleichmäßig voranschreitendes Zeitmaß durch überraschend dagegen gesetzte Akzente lebendig und vieldeutig hält.
Und er befürchtete, daß eben dieser Bezug und damit der notwendige Orientierungsrahmen für den Musiker wie für den Hörer verloren gehen könnte.
Ein nicht ganz unberechtigter Vorbehalt, wie sich bald erweisen sollte.
Für diese Überzeugung steht Elvin Jones bis heute. Und immer wieder suchen junge Jazzmusiker die Zusammenarbeit mit ihm, um diese Grenze für sich auszuloten - herauszufinden, wie kompliziert eine Musik sein darf, ohne daß man die Kontrolle über sie verliert.
 

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SWR-"ZEITWORT"  vom 2.8.97
STUDIOAUFNAHME DES LIEDES "LILI MARLEEN"
MIT DER SÄNGERIN LALE ANDERSEN AM 2.AUGUST 1939

                                                     (von Lutz Neitzert)

Anfang Zwanzig war Gardefüsilier Leip, als er im zweiten Jahr des ersten Weltkriegs gen Frankreich zog.
Zwei Freundinnen hatte der junge Mann: Lili & Marlene!
Und zum Abschied, da schrieb er seinen beiden Liebsten ein kleines Gedicht:

("LILI MARLEEN" - gesungen von Lale Andersen)

Hans Leip, ein Seemannskind aus Hamburg, beherrschte das Genre der trivialliterarischen Schnulze und machte sein Talent zum Brotberuf. Als Schreiber und Zeichner gefühlsduseliger Landsergeschichten erlangte er zweifelhafte Berühmtheit. Immerhin protegiert von keinem Geringeren als Thomas Mann, und, wie dieser, dann später in schmerzhafter Umkehr von Tümelei und martialischem Pathos kuriert.
Im nächsten Krieg sollte sich sein Blick klären. Seine Texte reflektierten nun die unromantische Kehrseite des Heldentums und sein "Lied vom Schutt" (niedergeschrieben nach einer verheerenden Bombennacht) brachte ihn auf die Fahndungsliste der Gestapo und trieb ihn in die Emigration.
Doch mehr noch als seine eigene wurde die Karriere seines Gedichtes vom "jungen Wachtposten" zum Zerrspiegel der Zeitläufte.
1938 vertonte Norbert Schultze die fünf Strophen als melancholische Ballade,
gesetzt (aus erotischem Kalkül, zielgruppenorientiert und entgegen der Logik des Textes) für eine Frauenstimme.
Schultze war einer der populärsten Komponisten der Nazijahre. Changierend zwischen Kinder-Opern, Musiken zu Durchhalte-Propagandafilmen wie "Kolberg" und perfiden Kriegsliedern wie "Bomben über Engeland" traf er stets den Nerv der Zeit. Auch mit "Lili Marleen".
Am 2.August 1939 - heute vor 58 Jahren, und nur vier Wochen vor dem Überfall auf Polen - ging man ins Studio.
Das Orchester Bruno Seidler-Winkler begleitete eine noch unbekannte Sängerin mit dem klangvoll nordischen Künstlernamen Lale Andersen (in Wirklichkeit nannte sich die Dame, weit weniger poetisch, Liselotte Helene Berta Bunnenberg).
Die Aufnahme sollte der erste Millionen-Seller der deutschen Schallplattengeschichte werden.
Und zunächst paßte die Tonlage des Liedes auch ins Konzept der faschistischen Kulturfunktionäre:
wehmütig - aber nicht defätistisch, sentimental - aber nicht demoralisierend.
Der herzensgute Soldat, der Pflicht gehorchend und dem Schicksal sich fügend.
Vor allem die Radiostationen des Militärs nahmen das Lied in ihr Programm,
und ab 1940 spielte der "Besatzungssender Belgrad" allabendlich punkt 22 Uhr als Schlußmelodie zum Zapfenstreich "Lili Marleen".
Doch nicht nur die deutschen Soldaten fanden Gefallen daran, auch in den alliierten Truppen begann man, die schöne kleine Melodie vor sich hin zu pfeifen (ja, selbst Churchill, so sagte man, summe bereits versonnen mit).
Im Propagandaministerium jedenfalls argwöhnte man, daß Lale Andersen's Schlager nun wohl offensichtlich nicht mehr die richtige Wellenlänge hatte für die Erbauung im Schützengraben.
1942 erließ Joseph Goebbels eine "Anordnung zur Neugestaltung des Rundfunkprogramms", in der es hieß:
"Die Unterhaltung durch den deutschen Rundfunk als Entspannung und Entlastung von (der) Front ist kriegswichtig. Darum muß dieser Sparte des deutschen Rundfunkprogramms eine besondere Pflege zuteil werden !"
Sofort begannen seine Beamten damit, das Repertoire nach wehrkraftzersetzenden Tönen und Zwischentönen zu durchforsten.
Und auf den Index geriet dabei auch "Lili Marleen".
Der Faschismus verstrickte sich in seinem eigenen verlogenen Pathos.
"Es wird drei Tage kosten..." sang Lale Andersen -
doch nun war man in der Hölle von Stalingrad.
Eben noch sollte die heimelige Ballade das Wir-Gefühl im deutschen Volk befestigen, nun aber hatte der blutige Ernst der Realität die Katastrophe des Nationalsozialismus offenbart, und nun rührte das gleiche Lied plötzlich an offenen Wunden.

Übrigens wurde einen Tag vor "Lili Marleen", am 1.August 1939, in einem amerikanischen Plattenstudio ein anderes Stück populärer Musik aufgenommen, ein Stück, das zum Soundtrack der Nachkriegsjahre in Deutschland werden sollte: Glenn Miller's "In the Mood"!
 

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SWR-"ZEITWORT" vom 6.11.97
DER ERSTE ÖFFENTLICHE AUFTRITT DER "SEX PISTOLS"  AM 6.NOVEMBER 1975
                                                                    (von Lutz Neitzert)
 

Die Londoner "St.Martin's School of Art" war Feindesland. Soviel stand fest. Und, daß ihr Auftritt ein sehr kurzer werden würde, auch das war allen Beteiligten von vornherein klar. Die englischen Kunsthochschulen waren der angestammte Aufenthaltsort von Rockgruppen wie "Genesis" oder "Pink Floyd" und ihrer ästhetisch verwöhnten Fans. Man begann also zu spielen - und es gefiel nicht !
Alles verlief genau so wie geplant - heute vor 22 Jahren, am 6.November 1975:
Die Punkband "SEX PISTOLS" hatte ihren ersten öffentlichen Auftritt, es gab Krawall und die Medien suchten (wie es ihre Pflicht ist) Aufklärung bei Soziologen, Musikologen & Theologen, bei Polizisten, Politikern, Normalbürgern & Lehrern. Schließlich stand für die einen fest, daß mit dem Punk die unappetitlichere Seite des Rock'n'Roll wieder zum Vorschein gekommen war - mit all den altbekannten Begleiterscheinungen - Grund zur Besorgnis also.
Während die andern es eher mit dem Feuilleton der "New York Times" hielten, das endlich neu erwachte Rebellentum begrüßten und die Musik von Johnny Rotten und anderer Punkbands hochstilisierten zum "Symbol der rastlosen Energie jugendlicher Subkultur, die industrialisierte bürgerliche Gesellschaft als heuchlerisch, selbstsüchtig und abgeschlafft verachtet !"
Nun, wie dem auch sei.
Dramaturgisch beraten und instruiert von ihrem Manager Malcolm McLaren, lümmelten sich die "Sex Pistols" fortan takt-, respekt- und deodorantlos durch diverse Talkshows und bedienten erwartungsfrohe Moderatoren mit unflätigen Worten vor laufender Kamera.

("ANARCHY IN THE U.K." von der LP "FLOGGING A DEAD HORSE")  

Allerdings gab es für die frühen Punks neben der Sicherheitsnadel in der backe und der Ratte auf der Schulter noch ein anderes (wohlfeiles) Symbol des Widerlichen: das Hakenkreuz am Arm!
Zunächst einmal war auch das Hantieren mit den Emblemen des Faschismus in erster Linie der Versuch, mit solch todsicheren Mitteln die Erwachsenen (und vor allem die Medien) zu provozieren. Ein quasi bloß strategischer Tabubruch, wie ihn aggressive Jugendbewegungen stets begangen haben, und der nun keineswegs eine entsprechende politische Orientierung signalisieren sollte. Ausgedrückt werden sollte damit im Grunde und im Gegenteil:
'Ihr regt Euch auf über diesen alten Nazi-Kram, über die längst vermoderten Teufel der Vergangenheit - aber den ganz alltäglichen Rassismus in unseren tagen, in unserer Gesellschaft, den wollt Ihr nicht sehen!'
Dann jedoch, Ende der 70er Jahre, erlebte England eine wirtschaftliche Rezession, die nicht zuletzt viele Anhänger der "Sex Pistols" zu spüren bekamen. Jetzt richtete sich ihre Wut plötzlich nicht mehr nur gegen die große Langeweile, sondern auch gegen die Verantwortlichen für ihre ganz private Misere - ohne Lehrstelle, ohne Aussicht auf einen Beruf.
Und in dieser Situation entwickelte sich aus der Punkszene heraus zum erstenmal in der Nachkriegsgeschichte eine Jugendsubkultur am rechten Rand des politischen Spektrums. Viele aus der zuvor eher unpolitischen Fraktion der Skinheads gerieten damals in den Dunstkreis radikaler Rechtsparteien und Neonaziorganisationen - und die Hakenkreuze an ihren Armen waren nun plötzlich in der tat Ausweis einer Gesinnung.
Die Punkszene selbst jedoch blieb immer resistent gegen Agitationen aus dieser Richtung.

Was allerdings ihre Musik anbetraf, so mußte man machtlos miterleben, wie Punkrock Mode wurde. Kaum eine andere Jugendkultur wehrte sich entschlossener gegen eine Kommerzialisierung ihres Stils, doch gerade der Erfolg der "Sex Pistols" hatte gierige Blicke auf sie gelenkt. Und gerade McLaren gefiel sich immer mehr darin, zusammen mit der Designerin Vivienne Westwood, seine Band auch unter Intellektuellen salonfähig zu machen.
In der westlichen Popwelt hatte die Musikindustrie (nach einiger Bedenkzeit und mit spitzen Fingern zwar) den Punk letztlich in ihr Sortiment und ihr Management integriert.
In der östlichen Welt aber, in den Staaten des Warschauer Paktes - in der DDR ebenso wie in der Sowjetunion, in Polen, Ungarn oder in Jugoslawien blieb er bis zum Untergang des real existierenden Sozialismus für viele eine wichtige, identitätstiftende oppositionelle Kraft.
Und während gealterte "Sex Pistols" im letzten Jahr ein peinliches Comeback versuchten, hören heute in Peking und Shanghai Jugendliche ihre alten Platten und warten auf ihre Chance.
 
 

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SWR-"ZEITWORT"  vom 6.12.97
KONZERT DER "ROLLING STONES" AM 6.DEZEMBER 1969 IN "ALTAMONT"
                                                                       (von Lutz Neitzert)

Die Damen und Herren der Stadtverwaltung gerieten in Panik. Aus gutem Grund, denn mit jeder neuen Meldung erhielt das Szenarium immer bedrohlichere Dimensionen. Dabei hatte man das Ansinnen zunächst durchaus wohlwollend beschieden. In London hatten die "Rolling Stones" im "Hydepark" gespielt, warum also nicht auch hier in San Francisco in den Grünanlagen an der "Golden Gate"?
Aber nun hatte es "Woodstock" gegeben, und die Vertreter des Ordnungsamtes malten in Krisensitzungen und Pressekonferenzen den Teufel an die Wand.

("SYMPATHY FOR THE DEVIL")

Hunderttausende waren unterwegs, und als die ersten eintrafen, erließ man schließlich ein Verbot der Veranstaltung, wohlwissend, daß es für einen geordneten Rückzug längst zu spät war.
Für die "Stones" hatte es der krönende Abschluß ihrer USA-Tournee werden sollen. Ein Open-Air-Festival im Zentrum der Bewegung, in Kalifornien. Wie viele andere Stars, so litt auch Mick Jagger darunter, nicht dabeigewesen zu sein in "Woodstock" - also wollte man nun selbst das Spektakel noch einmal übertrumpfen. Ein Film mit dem Titel "Gimme Shelter" sollte das Ereignis dokumentieren und unbedingt noch vor dem "Woodstock-Film" in die Kinos kommen.
So begann in größter Hektik die Suche nach alternativen Schauplätzen. Der Troß zog weiter zum nahegelegenen Tempodrom "Sears Point" - doch kaum war dort die Bühne aufgebaut, da stellte der Besitzer plötzlich unerfüllbare Forderungen. Schließlich ging man auf das Angebot eines eher zwielichtigen Motorsportveranstalters ein, der - unter der einzigen Bedingung, daß nur sein Name oft genug genannt werden müsse - eine heruntergekommene Stockcar-Rennbahn zur Verfügung stellte. Eine staubige Piste am Ende der Welt, zugänglich nur über eine enge, holprige Straße. Wider erwarten schaffte man es tatsächlich gerade noch rechtzeitig - fast 350.000 Menschen kamen heute vor 28 Jahren, am 6.Dezember 1969, nach "Altamont".
Der Eintritt war frei, das Programm ein Who-is-Who der aktuellen Musikszene, und auf Plakaten warb man für das am gleichen Tag erscheinende neue Album der "Stones": "Let it bleed"!
Wie schon andere Bands zuvor, hatte man die Motorradrocker der "Hell's Angels" als preiswerte (in Bier zu entlohnende) Alternative zum kommerziellen Sicherheitsdienst engagiert. Wenngleich auch niemand daran glauben konnte oder wollte, daß der Geist von "Woodstock" überhaupt eines Aufsichtspersonals bedurfte. Mick Jagger jedenfalls gefiel diese Aura des Düsteren und Verwegenen. Doch die Rocker sollten sich nicht mit der ihnen zugedachten Rolle als Staffage begnügen. Schon mit ihrem Eintreffen demonstrierten sie, die menge auf dröhnenden Feuerstühlen auseinandertreibend, daß sich diese Hippies hier, zwischen Autowracks und Ölfässern, auf feindlichem, auf ihrem Terrain befanden. Provoziert sicher auch von den allzu penetranten Verbrüder- und Verschwesterungsgesten der Blumenkinder, begannen die Lederjacken drohend ihre Radketten und nietenbesetzten Baseballschläger zu schwingen. Nun konnten jene Studenten, die in Berkley oder Los Angeles dabei waren, in Seminaren und Teach-ins ein neues Modell der Gesellschaft zu entwerfen, einmal am eigenen Leib überprüfen, inwieweit ihre Theorien vom Wesen der Gewalt mit dieser Realität zusammengingen. Eine ohnmächtige Masse mußte erleben, was geschieht, wenn eine gewaltbereite Ordnungsmacht zum "Terror-Regime" mutiert.
Das Konzert begann: "Santana" spielten und die "Grateful Dead" - immer wieder unterbrochen durch Motorenlärm und Hilfeschreie. "Crosby, Stills, Nash & Young" brachen ihren Auftritt ab, flohen im Hubschrauber, schließlich prügelten die "Angels" den Sänger der "Jefferson Airplane" von der Bühne.
Und dann begingen die "Stones" einen weiteren folgenschweren Fehler, indem sie das Publikum, wie üblich, fast anderthalb Stunden warten ließen. Als endlich die ersten Takte ihres Songs vom "Mitgefühl mit dem Teufel" erklangen, da eskalierte um sie herum die Gewalt. Überall tobten wilde Schlägereien und Messerstechereien, bis schließlich ein junger Farbiger, niedergemetzelt direkt vor der Bühne, tot zusammenbricht.

Der Film zeigt eine sekundenkurze gespenstische Szene, wenn sich Keith Richards angesichts des Chaos in einem unbeobachteten Augenblick mit fahriger Hand bekreuzigt, während Mick Jagger hilflos versucht, aus der Show herauszutreten und eine außer Kontrolle geratene Wirklichkeit zu begreifen - um die Schultern noch immer sein Mephisto-Kostüm.

Im Publikum befand sich übrigens auch ein Mann, nach dem die Polizei in jenen Tagen fieberhaft fahndete: Charles Manson!
 

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SWR-"ZEITWORT" vom 26.10.96
BILL HALEY IM "BERLINER SPORTPALAST" AM 26.OKTOBER 1958
                                                                                             (von Lutz Neitzert)
 

Er war bereits 30 und verheiratet, hatte fünf Kinder und eine kaum größere Zahl an Haaren auf dem pomadigen Kopf, sein Hüftschwung trieb niemanden in Ekstase und sein musikalisches Talent ragte wenig über Mittelmaß. So durfte man sich schon wundern, daß ebenjener eher feiste Mister BILL HALEY zum ersten Star des Rock’n’Roll werden sollte. Die Revolte der Halbstarken war angezettelt, und zum Idol wählten sie sich ausgerechnet einen älteren Herrn aus Michigan.
Als Radiodiscjockey hatte er ein feines Gespür entwickelt für neue Trends, und so präsentierte er eben zur rechten Zeit am rechten Ort ein Stück Musik, das exakt den Nerv der ersten Nachkriegsgeneration traf:

(BILL HALEY "ROCK AROUND THE CLOCK")

Es war die Themamelodie zu einem Film, der weltweit für Schlagzeilen sorgte: "Die Saat der Gewalt". Regisseur Richard Brooks zeigte einem aufgeschreckten Publikum hier zum ersten Mal eine amerikanische Schule als sozialen Brennpunkt - mit rebellierenden Jugendlichen voller Aggressionen und auf der anderen Seite hoffnungslos überforderte Lehrer und Eltern, die ihre Autorität und damit die Kontrolle verloren hatten.
Ein sozialkritisches Sujet, und als Soundtrack zu diesem Szenario immer wieder Rock’n’Roll.
Der Erfolg des Films überall in der westlichen Welt war Indiz dafür, daß man sich mit der Übernahme des amerikanischen Lebensstils zugleich auch ähnliche gesellschaftliche Probleme eingehandelt hatte.
Und dann - heute vor 38 Jahren, am 26.Oktober 1958 - trat Bill Haley zum ersten Mal in Deutschland auf. Zwar waren da die wilden Jahre des Rock’n’Roll schon längst vorbei (Elvis war kurz zuvor mit patriotischem Kameralächeln als Rekrut ins Taunusstädtchen Friedberg eingezogen) - aber im kulturellen Mief der Adenauer-Ära reichte es dann doch noch einmal für einen veritablen Skandal.

Nicht zuletzt die Verantwortlichen für jenen Abend im Berliner Sportpalast bewiesen dabei einiges Ungeschick und wenig Geschmack bei der dramaturgischen Konzeption des Programms.
So ließ man zuerst das bieder Orchester "Kurt Edelhagen" zum Tanz aufspielen, und vor Bill Haley plazierte man dann auch noch Bill Ramsey.
Die Ungeduld des jugendlichen Publikums stieg verständlicherweise, und als es schließlich losging, da ging zugleich mit den ersten Takten auch das Mobiliar zu Bruch.
Die Presse meldete anderntags: 12 Verletzte, 22 Festnahmen, 50.000,- DM Sachschaden... und die Spur der Verwüstung zog sich in den folgenden Wochen weiter durchs Land. In Hamburg rückte die Polizei mit Tränengas an, und aus Anlaß des Haley-Auftritts in Essen zeigte sich der kirchennahe "Rheinische Merkur" empört darüber, daß ausgerechnet "am Tag der Papstwahl" jener "Komet der Triebentfesselung" einen Anschlag auf "Geschmack, Anstand und Selbstachtung" verüben durfte.
Und hinter dem Eisernen Vorhang frohlockte das SED-Organ "Neues Deutschland", daß sich hier die amerikanisch-kapitalistische Unkultur endlich demaskiert hätte. (Übrigens hält sich bis heute das Gerücht, wonach es sich bei den Rädelsführern  in Berlin um Stasi-Agenten gehandelt haben soll).
Der Musikschriftsteller Nik Cohn schrieb: "Bis jetzt waren die Halbstarken eine ziemliche Minorität gewesen, aber als sie Krawall machten, da wurden sie von der Presse als Stoff für Leitartikel entdeckt...(Das) Teenager-Problem wurde zur Nachricht, zum großen Verkaufsschlager, und im Handumdrehen klinkten sich alle ein: Kirchenleute erboten sich, geistlichen Trost zu spenden, Psychologen kamen mit Erklärungen, Behörden griffen hart durch, Eltern gerieten in Panik, Geschäftemacher wurden reich, und Rock war auf einmal Zentralthema. Natürlich reagierten die Teenager schnell... und die Zeitungen erregten sich noch mehr, die Panik wurde größer... und plötzlich war der Generationskrieg offene Tatsache".

Von heute aus rückblickend betrachtet, sollte es einem schon zu denken geben, daß damals ausgerechnet jene Elterngeneration, die noch kurz zuvor die halbe Welt in Schutt und Asche legte, sich nun hinstellte und angesichts einiger demolierter Sitzbänke begann, über die Verrohung der Jugend zu lamentieren.
Und hatten sie sich nicht selbst in gerade jenem Berliner Sportpalast einst von einem gewissen Joseph Goebbels zum "Totalen Krieg" aufstacheln lassen ?!
 

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SWR-"ZEITWORT"  vom 5.9.98
ROCKFESTIVAL AUF FEHMARN / 4.- 6.SEPTEMBER 1970
                                                                     (von Lutz Neitzert)

Südlich von Bojendorf, ein paar Kilometer westlich von Sulsdorf gelegen, auf dem Campingplatz von Flügger-Strand, schlotterten 30.000 Blumenkinder im Sauwetter. "Love & Peace" stand auf den handgemalten Pappschildern, die ihnen den Weg (zwischen Polizeikolonnen und Stacheldraht hindurch) hierher, ans Ende der Welt gewiesen hatten - und auf dem offiziellen Plakat hatte man so verlockende Namen gelesen wie: "Ten Years After", "Canned Heat", Ginger Baker, Alexis Korner, Sly Stone, "Floh de Cologne", "Ton-Steine-Scherben" und, allen voran, Jimi Hendrix - dessen letzter Auftritt sein Konzert hier auf Fehmarn werden solllte:

(HENDRIX: "HEAR MY TRAIN COMING")

Heute vor 28 Jahren sollte das dreitägige Festival auf der Ostseeinsel als "Deutsches Woodstock" in die Rockgeschichte eingehen.
Jugendbewegt und blauäugig hatten die Veranstalter (Helmut Ferdinand und Timm Sievers aus Kiel) geglaubt, die große Sache im Griff zu haben. Beate Uhse als Hauptsponsor, die Hamburger "Hell's Angels" als Ordnungshüter - was sollte da schief gehen. Zudem hatte man (um unbefugtes Eindringen wie in Woodstock zu verhindern)  aus strategischen Erwägungen ein vom Moor umgebenes Gelände gewählt. Nun aber hatte es tagelang geregnet und der Platz vor der großen Bühne war selbst ein einziger Morast. Dabei war man so stolz darauf gewesen, den Einfall einer Drehbühne gehabt zu haben, um die festivaltypischen Umbaupausen überbrücken zu können. Aber was nutzte das jetzt unter solchen Bedingungen.
Der Sturm heulte vom Meer herüber und fing sich unter dem Bühnendach, so daß die Musik kaum zu hören war, viele der Stars aus wärmeren Gefilden blieben lieber in ihren Hotelzimmern in Puttgarden, das Programm wurde laufend umgeändert, die Stromversorgung brach für Stunden zusammen, die Toiletten liefen über, die Rocker betranken sich - und als sie erfuhren, daß am Ende wohl kein Geld mehr da sein würde, sie für ihre Dienste zu bezahlen, da setzten sie (gottlob erst am Schlußtag nach dem letzten Auftritt) die Bühne in Brand.
Das eigentliche Wunder bei all dem war, daß zum einen das Publikum stoisch versuchte, sich trotz aller Unbill die Laune nicht verderben zu lassen und daß zum andern (wie einige unscharf verwackelte Amateurfilme und wenige Tonbandmitschnitte erahnen lassen) die Musiker offensichtlich noch inspiriert wurden vom chaotischen Drumherum.
Daß eine solche Menschenmasse sich allein mit gutem Willen und einer pazifistischen Grundhaltung von selbst in geordneten Schranken halten würde, dieses Gottvertrauen hätte eigentlich spätestens nach der Katastrophe beim Stones-Konzert in Altamont wenige Monate zuvor auch der letzte verlieren müssen.

Lippmann & Rau machten mit Hendrix damals ihre ersten nicht unproblematischen Erfahrungen als Tourneeplaner - im unbehaglichen Spagat zwischen Subkultur und doppelter Buchführung - und erlernten (durch Versuch und Irrtum) den angemessenen Umgang mit dem neuen Typus des "Superstars". Zugleich diskutierte eine interessierte Öffentlichkeit heftig darüber, wieviel Kommerz die Rockmusik als Sprache der "Antiautoritären" denn zulassen dürfe, ohne Schaden an ihrer Seele zu nehmen.
Der "Ton-Steine-Scherben"-Sänger Rio Reiser erinnerte sich später an die Tage auf Fehmarn:
"Abgesehen von... Hendrix und ein paar bekannten Gruppen, die schon...vorher Geld und Vertrag in der Tasche hatten, haben die kleinen (Bands)... (nichts) bekommen.... (und) uns (hat man) einen ungedeckten Scheck gegeben!" Sie spielten damals als letzte Gruppe und sie spielten "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!"

Danach gab es hierzulande für lange Jahre keinen weiteren Versuch mehr, ein derartiges Rockmusik-Großereignis auf die Beine zu stellen. Erst Ende der 70er Jahre begann dann die Zeit der Open-Air-Spektakel - und dies war dann auch das vielleicht sinnfälligste Anzeichen dafür, daß nun endgültig ein professionelles Management den Popzirkus zu einer auch im größten Rahmen weitgehend risikolos kalkulierbaren Veranstaltung gemacht hatte.

Nur einer scheint damals, inmitten des Desasters, seinen Schnitt gemacht zu haben: ein pfiffiger Eierverkäufer versorgte die Frierenden und Hungernden mit seiner Ware. Und da es ihm selbst unmöglich gewesen wäre, über hunderttausend Hühnereier abzukochen, verfiel er auf den schlauen Plan, einen befreundeten General davon zu überzeugen, daß dies doch eine (im Sinne der Landesverteidigung) durchaus nützliche Gefechtsübung für seine Truppe sein könnte. Und tatsächlich rückte daraufhin die Bundeswehr mit einer Feldküche an und bediente die Hippies generalstabsmäßig mit Hartgesottenem.
 

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SWR-"ZEITWORT"  vom 4.3.00
DIE ERSTE DEUTSCHE TALK-SHOW
                                                              (von Lutz Neitzert)
 

Ein Kritiker der "Zeit" hielt das neue Genre damals in einer ersten Einschätzung für den "Striptease eines Denkfehlers"!

Die Mehrheit vor den hiesigen Bildschirmen aber wartete zunächst einmal gespannt ab, als heute vor 27 Jahren, am 4.März 1973, im WDR mit
"JE SPÄTER DER ABEND" die erste Talkshow im deutschen Fernsehen ihre Premiere hatte.

In seiner Anmoderation stellte Gastgeber Dietmar Schönherr seinem Publikum die rhetorische Frage:
"Eine Talkshow - was ist das?  Es ist etwas, was wir alle noch nicht kennen.
Talk kommt von ‘to talk’, reden, und das Ganze ist also eine Rederei !"

Immerhin gab es ja lange schon Werner Höfer’s "Internationalen Frühschoppen"
und Günter Gaus hatte mit seinen tiefsinnigen Gesprächen "Zur Person" - in legendären Interviews mit Rudi Dutschke, Gustaf Gründgens und anderen - für einige veritable Glanzlichter der bundesrepublikanischen TV-Historie gesorgt.

Doch bald schon sollte sich zeigen, daß es bei dem neu eingeführten Format tatsächlich um etwas ganz anderes ging. Weder stand ein konkretes Thema im Mittelpunkt oder gar die Diskussion der aktuellen politischen Weltlage, noch galt es, einer klugen Person Gelegenheit zu verschaffen, sich einmal in durchdachter Ausführlichkeit dem Zuschauer mitzuteilen.

Dramaturgie und Gruppendynamik, brisante Mischung der Typen und Charaktere, Sympathie und Antipathie waren die obersten Prinzipien, wenn es nun darum ging, eine illustre Runde zusammenzustellen.

Wohlfeile Provokateure wie Klaus Kinski oder Franz Xaver Kroetz standen denn auch von Beginn an ganz oben auf der Besetzungsliste und sie erfüllten jedesmal aufs Neue die in sie gesetzten Erwartungen.

Die unvergessenen Höhepunkte der frühen Talkshow-Jahre jedenfalls waren allesamt eher Affront denn Aufklärung:
der ungenierte Flirt zwischen Burkhard Driest und Romy Schneider beispielsweise oder die sinnfällig-handgreifliche Anleitung zur Selbstbefriedigung durch Nina Hagen im "Club 2" des ORF - auch wenn ab und an durchaus einmal politische Untertöne auftauchten - wie etwa bei dem Tintenfüller-Attentat des Ex-Kommunarden Fritz Teufel auf den amtierenden Bundesfinanzminister Matthöfer (der in jenen Tagen gerade verzweifelt versuchte, eine Parteispendenaffäre auszusitzen).

Mit "Je später der Abend" hatte man das Modell auf Anhieb etabliert.
Dietmar Schönherr moderierte die ersten 22 Sendungen - ihm folgten ab 1974 zuerst Hans-Jürgen Rosenbauer und dann Reinhard Münchenhagen als Talkmaster. Doch erst nach dem Ende der Reihe im Juli 1978 setzte der Boom so richtig ein.
"Bio’s Bahnhof", "Kölner Treff", "III nach 9", "Drei vor Mitternacht" und wie sie alle hießen.
Preiswerter, billiger konnte Fernsehen eben nicht produziert werden:
ein kleines karg ausgestattetes Studio (höchstens einmal ein etwas edleres Sitzleder als Blickfang) und die Prominenten verzichteten zudem gerne auf eine Gage, wenn sie im Gegenzug das neue Buch, den neuen Film oder die gerade erschienene Schallplatte vorstellen konnten.

Abstinent blieben bis heute nur ganz wenige und für Politiker wurde eine Einladung zum Talk bald wichtiger als jeder Auftritt im Parlament.

Als dann mit dem Privatfernsehen seit Mitte der 80er Jahre die Quote endgültig zum Maß aller Dinge wurde und man vor allem auch den Normalbürger als taugliches Subjekt entdeckte, ging man daran, das Biotop noch einmal mit aller professionellen Konsequenz zu vermessen und durchzuorganisieren.
Casting-Agenturen sind entstanden, die nichts anderes tun, als nach präsentablen Gesichtern, allzeit bereiten Selbstdarstellern, skurrilen Weltanschauungen und anrührenden Schicksalsschlägen zu fahnden. Geordnet im Katalog bietet man das Sortiment dann den diversen Redaktionen an.
Eine andere Firma sorgt derweil für das Saalpublikum.
Viele der täglichen Sendungen sind mittlerweile mit Stoppuhr und Skript bis ins letzte Detail quasi als Fließbandproduktion durchrationalisiert.

Die Begehrtesten unter den VIPs bringen es pro Jahr leicht auf über 50 Einsätze und auch als Namenloser darf man durchaus damit rechnen, nach einer gelungenen Schau immer wieder gebucht zu werden und schließlich als gewiefter Talkshow-Tourist heute zum Thema "X" bei dem einen Sender vor der Kamera zu stehen und morgen als bekennender "Y" bei einem anderen.

Und wie für so vieles andere, so hat man auch für diese Entwicklung verschiedentlich versucht, die 68er verantwortlich zu machen: ein Rederecht für alle hätten sie als bewegte Studenten von einst doch immer wieder lautstark gefordert - und das hätten sie eben jetzt davon!

Nun, wie dem auch sei - schon im Jahr 1974 machten Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder die vermeintliche "Talkshow-Inflation" zum Thema eines Kabarettprogramms unter der Überschrift "Talk täglich" (damals noch eine witzige Übertreibung) und dort konstatierten sie ebenso treffend wie lakonisch: "Man trägt die Seele jetzt dekolletiert"!
 

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SWR-"ZEITWORT"  vom  15.4.00
ERSTER WETTBEWERB "UNSER DORF SOLL SCHÖNER WERDEN"
                                                        (von  Lutz Neitzert)

Ihrer Intention nach war die "Grüne Charta von der Mainau", in welcher die "Deutsche Gartenbaugesellschaft" im Jahr 1961 ihr Programm niederlegte, eines der frühesten Zeugnisse erwachenden ökologischen Bewußtseins im Nachkriegsdeutschland.
"Die Grundlagen unseres Lebens sind in Gefahr geraten, weil lebenswichtige Elemente der Natur verschmutzt, vergiftet und vernichtet werden... Deshalb ist zu fordern... die Schonung und nachhaltige Nutzung des vorhandenen natürlichen oder von Menschenhand geschaffenen Grüns..."!
Solche Sätze standen dort bereits zu lesen, lange bevor Umweltschutz ein öffentliches Thema war. Und, um das weitsichtige Ziel zu befördern, hatte man vorgeschlagen, doch einen Wettbewerb der Gemeinden ins Leben zu rufen, der Bürgeraktivitäten in diesem Geist prämieren sollte. Die Politik gab umstandslos grünes Licht und so ging man sogleich daran, die Modalitäten zu diskutieren.

Doch aus den verfaßten Statuten war am Ende dann kaum noch etwas vom Bemühen um eine Rückgewinnung naturgemäßer Lebenswelten herauszulesen - entstanden war vielmehr das Regelwerk einer "Geranien-Olympiade".

Nichtsdestotrotz war die Resonanz in der Öffentlichkeit unerwartet groß und mit Heinrich Lübke war bald der ideale Schirmherr gefunden für ein Unternehmen, das zunächst unter dem Slogan "Unser Dorf in Grün und Blumen" firmierte.

Das beginnende Wirtschaftswunder hatte Otto Normalverbraucher hinreichend Zeit und Geld beschert, sich in seiner Freizeit nun auch einmal mit Muße der Pflege seines häuslichen Umfeldes zu widmen - und er tat das offensichtlich gern.

Vor allem die rührigen Lobbyisten der Gartengerätebauer, Blumenhändler und Baumschulen sahen ihre Chance gekommen und verfochten ihre Geschäftsinteressen mit Nachdruck und strategischem Geschick. Sie propagierten
exotische Blütenpracht und Jägerzaun als wohlfeilen Weg aus der Tristesse der Wiederaufbaujahre - und in der Tat, die Kassen der Gärtnereien begannen vielversprechend zu klingeln.
An der ersten großen Bürgerbewegung der Bundesrepublik nahmen schon bei der Premiere 447 Gemeinden teil - zu Hochzeiten sollten es dann weit über 5000 werden.

Vom ursprünglichen Anliegen allerdings blieb, wie gesagt, kaum etwas übrig, als "Unser Dorf soll schöner werden" in die erste Runde ging - heute vor 39 Jahren, am 15.April 1961, war Meldeschluß der ersten Ausschreibung.

Diverse Leitfäden wurden verfaßt und jedem gutwilligen Dorfbewohner an die Hand gegeben, worin nachzulesen stand, wie man die Sache am erfolgversprechendsten anzufangen hatte:

"Ein Planungsausschuß wird gegründet und die Arbeit kann beginnen: Ordnung und Sauberkeit sind Voraussetzung für die Verschönerung. Daher zuerst: Aufräumen! Beginnend bei baufälligen Schuppen, ... alten Zäunen und endend bei Baumruinen... ein gutgehaltener Rasen ist (dagegen) für jede Grünfläche eine Bereicherung..."

- und was es so alles zu beachten gab, wenn man auf Medaillensegen spekulierte:
  "Vorsicht ist geboten bei weißen Blüten, denn sie lenken den Blick auf den Schmutz an den Häuserwänden!"
- das leuchtete ein.
Und so nahm der Gärtner den Kampf gegen Giersch und Gundermann, gegen das gemeine Kreuzkraut und den Hahnenfuß mit frischer Entschlossenheit (und nagelneuer Ausrüstung) wieder auf.

In den 70er Jahren entstanden dann im Zuge der Gebietsreform neue Probleme im ländlichen Raum, denen man auch im Rahmen des Wettbewerbsreglements glaubte, Rechnung tragen zu müssen. Viele Gemeinden hatten ihre tradierten Strukturen aufgegeben, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bewohner schwand in gleichem Maße, wie die Dörfer ihr Gesicht verloren. Und so setzte man nun in den Bewertungskriterien einen neuen Schwerpunkt auf das Soziale, auf die identitätstiftende Gemeinschaftsarbeit an öffentlichen Plätzen und Gebäuden.

Doch noch immer bestimmten kompromißlose Flurbereiniger und Mäanderhasser die Blickrichtung.

Erst in den 80er Jahren begann, wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen, auch hier ein Umdenken. Die grüne Kritik wurde immer vehementer und immer scharfzüngiger.
In Horst Stern’s Zeitschrift "Natur" etwa mokierte man sich über Begriffsschöpfungen wie "Straßenbegleitgrün" oder schüttelte den Kopf über den Misthaufen in der Garage - und andere Ökologen spotteten:  "...weil der Deutsche ein Vogelfreund ist, wird eine `Kerndl-Villa´ im oberbayerischen Stil auf einen Holzpfosten genagelt. Dann ist Platz, damit sich der kläffende Rasenmäher endlich austoben kann"!

Der Gesinnungswandel war letztlich nicht aufzuhalten und so mancher Bürgermeister zeigte sich verstört oder verbittert, als Streuobst fortan dem Rhododendron den Rang streitig machte und man mit Brachland punktete, während die Begonie im Waschbetonkübel die Kommission nicht mehr wie ehedem entzückte.

Das sozialpolitische Konzept wurde parallel dazu immer umfassender und schließlich sah man sich 1997 zu einer erneuten Namensänderung veranlaßt: "Unser Dorf hat Zukunft" lautet nun das aktuelle Motto des Wettbewerbs.

Ein guter Rat aus dem "ABC der Dorfverschönerung" von Anno dazumal ist aber auch heute noch unbedingt zu beherzigen:
  "...ein wohlgestalteter Blütenflor im Vorgarten..." heißt es dort, "...macht das Aufstellen von Zwergen überflüssig !"
 

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SWR-"ZEITWORT" vom 7.8.00

DIE ERSTEN "CHAOSTAGE" DER PUNKER IN HANNOVER
                                                (von Lutz Neitzert)

Der Begriff ist längst als vielverwendetes geflügeltes Wort in unseren Sprachschatz eingegangen - doch Auslöser und Ursache der ersten "Chaostage" sind darüber völlig in Vergessenheit geraten und muten heute - in Zeiten von "Big Brother", Adressenhandel und Online-Banking - zudem reichlich naiv an: Es ging nämlich dabei vordergründig um eine Frage des Datenschutzes!
Die Geschichte begann im Sommer 1982. In Punkerkreisen kursierte damals die Nachricht, daß in Hannover von Beamten der "Polizeiinspektion 7" eine "Punker-Kartei" angelegt worden sei, in welche fortan jeder mit buntgefärbtem Irokesenschnitt, Sicherheitsnadel in der Backe oder Ratte auf der Schulter als potentieller Störer der öffentlichen Ordnung eingetragen werden sollte.
Und (ähnlich wie die Computer-Hacker unserer Tage) verfiel man auf die Idee, dem Angriff gewissermaßen durch einen "Daten-Overkill" zu begegnen. Und zwar so, wie es kurz zuvor in einem TAZ-Interview angekündigt worden war:
"Wir fordern nicht nur wirkliche Punks auf, da hinzukommen. (Sondern) alle möglichen Leute sollen sich... lustige Klamotten anziehen... damit die Polizei (zuletzt) nicht mehr durchblickt!"
Durch vorsätzlich aufmüpfiges Verhalten sollten die Sicherheitskräfte zur inflationären Aufnahme von Personalien provoziert werden.
Am Schluß des zitierten Artikels stand als vorausschauende Mahnung eines TAZ-Redakteurs: "Paßt bloß auf!"
Von überall her wollte man also veritable "Chaoten" nach Niedersachsen locken - und da traf es sich gut, daß gerade eine bekannte amerikanische Punkband, die "Dead Kennedys", auf Deutschlandtournee war:

(DEAD KENNEDYS "Holiday in Cambodia")
                

Rund 800 Personen folgten schließlich an einem kalten Dezembertag dem auf unzähligen Flugblättern und durch Mundpropaganda verbreiteten Aufruf.
Aus den Punker-Hochburgen Hamburg, Berlin und dem Ruhrgebiet war man angereist,
viele der um ihr Weihnachtsgeschäft fürchtenden Ladenbesitzer hatten ihre Schaufenster vorsorglich verbarrikadiert und man brauchte nicht lange zu warten auf die ersten Handgreiflichkeiten.
Doch den mit allzu hohen Erwartungen lauernden Medienvertretern erschien der gebotene Krawall dann am Ende doch eher enttäuschend - und so taten sie alles in ihrer Meinungsmacht Stehende, um die avisierten Schlachtengemälde schließlich doch noch (unter dem oft zitierten Etikett "Bürgerkriegsähnlicher Zustände") in die Schlagzeilen der überregionalen Presse und die Hauptnachrichtensendungen zu hieven.

Bild begann in gewohnter Tonlage am Tag danach: "Passanten bespuckt... Scheiben splitterten" - und erreichte in der Berichterstattung zuletzt epische Dimensionen:
"Stiefel poltern übers Pflaster... Knüppel klatschen... in den ersten Reihen spritzt das Blut ... schreiend gehen Punks zu Boden... in ihren Augen war nur Haß"!

Was die Punks anbetraf, so waren sie einerseits mit der Resonanz durchaus zufrieden, andererseits aber (trotz hinreichender Mengen alkoholischer Frostschutzmittel bibbernd und schlotternd) der einstimmigen Meinung, daß die Fortsetzung des Widerstandes im nächsten Jahr dann aber doch besser im Sommer stattfinden sollte. Schließlich erkor man das erste Wochenende im August zum traditionellen Datum für die im Terminkalender der Szene nun als unverzichtbares Event festgeschriebenen "Hannoveraner Chaostage".
Bis 1984 (nomen est omen!) hielten die Demonstrationen gegen die polizeilichen Überwachungsmaßnahmen an - dann sollte es 10 Jahre dauern, bis 1994 (heute vor 6 Jahren) hinreichend neue Gründe für Randale gefunden waren.
Datenschutz war zwar längst kein Thema mehr, doch Anlässe gibt es natürlich stets mehr als genug.
Zum einen gingen den Punkern (deren Weltanschauung für Konsumfetischismus und Kommerz nur Verachtung übrig hat) die unanständig frohgelaunten Techno-Kids gewaltig auf den Geist:
eine "Hate-Parade" sollte es werden an Stelle der "Love-Parade".
Und auch andere Feindbilder und neue Frontlinien hatten sich zwischenzeitlich ergeben.
Aus den gehaßten "Poppern" von damals, den geschniegelten Muttersöhnchen in schnieken Klamotten, waren mittlerweile besserverdienende "Yuppies" geworden - und dann gab es seit der Wende eine zunehmend erbitterter werdende Konfrontation der Punker mit Neonazis und rechten Skinheads. Vor allem als Folge dieser Auseinandersetzungen erreichte die Gewalt auch während der Chaostage in den Neunzigern eine neue Qualität.

Seit drei Jahren hat es nun keine weiteren Treffen mehr gegeben - doch innerhalb der Szene kursiert schon seit längerem ein Aufruf für die erste "Punker-Messe" des neuen Jahrhunderts -
und ein gegebener Anlaß liegt in der Messestadt in diesem Jahr natürlich auf der Hand: die EXPO!
 
 

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SWR-"Zeitwort"  vom 16.5.00                               
  FERNSEHKOCH CLEMENS WILMENROD BITTET AM 16.MAI 1964 ZUM LETZTEN MAL ZU TISCH
                                                                                   (von Lutz Neitzert)                                  

Der Popularität des Carl Clemens Hahn tat es keinen Abbruch, als der "Spiegel" begründete Zweifel an seinen Kochkünsten anmeldete: man habe jenes "Arabische Reiterfleisch" einmal nachgekocht, welches er in seiner jüngsten Sendung so wortreich zubereitet habe, und sei zu der festen Überzeugung gelangt, daß es sich dabei um nichts weiter handele als um eine schnöde Frikadelle.

Schon die Beinamen, die sich der erste TV-Koch der Bundesrepublik während seiner erstaunlichen Karriere erworben hat, werfen ein bezeichnendes Licht auf seine besonderen Talente:
"Don Clemente", der "Karl May der Küche" oder auch der "bauchige Herold des Wohlstand-Ahnens"!

Nach seinem westerwälder Heimatort gab er sich den Künstlernamen Wilmenrod und ging schon wenige Wochen nach Programmstart des deutschen Fernsehens, im Februar 1953, beim NWDR erstmals auf Sendung. Bis zu seinem letzten Auftritt heute vor 36 Jahren, am 16.Mai 1964, erlebte seine Kochstunde (unter dem Motto "Bitte in 10 Minuten zu Tisch") immerhin 185 Aufführungen.
Im tropisch heißen Studio, unterstützt von seiner im Hintergrund wirkenden Gattin Erika und dem vollelektrischen "Schnellbrater Heinzelkoch" und hofiert von den Lobbyisten der Lebensmittelindustrie wurde aus dem gescheiterten Schauspieler eine unvergängliche Ikone der frühen Fernsehjahre.
Als begnadeter Selbstdarsteller wußte er, wie man sich wirkungsvoll in Szene setzt.
Das Konterfei, welches seine Schürze zierte, ließ er sich von einem Schüler des "Simplicissimus"-Karikaturisten Gulbransson entwerfen - und angefangen beim koketten Menjoubärtchen über den spöttischen Augenaufschlag bis hin zum lasziven Gigolo-Timbre in der Stimme suggerierte sein ganzes Auftreten den Beginn einer neuen Zeit.

Er sollte und wollte kulinarisch den Rahmen abstecken für den Aufbruch der Deutschen nach Rimini und Mallorca (wo auch er die Winter im eigenen Ferienhaus zu verbringen pflegte).

Und so war schon sein erstes TV-Menu eben nicht der "Königsberger - (respektive Kaliningrader) Klops", nicht Spätzle oder Labskaus, sondern: "Spaghetti auf neapolitanische Art".

Eine tiefgreifende Revolution in deutschen Tellern bahnte sich an.

Die Risikobereitschaft der Hausfrauen zwischen Alpen und Waterkant stieg zusehends und erreichte - vor allem an Festtagen und im Partykeller - gelegentlich die Grenze zum Übermut.

Wahrhaft skurrile Höhepunkte der Haute Cuisine haben wir ihm zu verdanken:
den "Venezianischen Weihnachtsschmaus", das "Päpstliche Huhn",  "Würstchen mit Austern" und natürlich nicht zuletzt: den "Toast Hawaii"!

Und jedes Mahl, das er kredenzte, wurde eingesponnen in 1001 Anekdote.
Ein Talent, das er auch in seinen diversen Büchern unter Beweis stellte - die da hießen:
"Es liegt mir auf der Zunge", "Brevier für Weltenbummler und Feinschmecker- In Abrahams Schoß " oder (und das war auch für seine Verhältnisse dann doch reichlich gewagt)
"Die französische Küche".

Als "Product Placement" noch (Hinterlist andeutend) "Schleichwerbung" hieß, beherrschte er diese lukrative Form des Nebenerwerbs bereits in Perfektion. Mit seinen wohlplazierten Empfehlungen bestimmte er nicht unwesentlich die Konjunktur ganzer Sparten der Nahrungsmittelbranche.
Als etwa eine norddeutsche Spirituosenfirma zur Ansicht gelangte, auch der Rest der Republik sei nun reif für den "Rumtopf" und die "Feuerzangenbowle", nickte Clemens Wilmenrod zustimmend, schritt bei nächster Gelegenheit zur Tat und kassierte anschließend ein gepfeffertes Salär.

Sein Publikum pflegte er zu begrüßen mit den einschmeichelnden Worten: "Ihr lieben goldigen Menschen" oder zu titulieren als: meine "Brüder und Schwestern in Lukullus".

Die inflationären Folgen des von ihm so virtuos zelebrierten Programmformats (das übrigens ein Franzose 1937 in Diensten der britischen BBC begründet hat), die Inflation der Topf- und Teller-Shows, die hat er nicht mehr miterleben können - er starb 1967 (60jährig) durch Freitod (nach der Diagnose einer unheilbaren Erkrankung) gerade als seine Löffel weitergereicht worden waren in die Hände eines Vico Torriani, Max Inzinger, Horst Scharfenberg oder Ulrich Klever.

Das Köcheln und Sautieren vor laufender Kamera hat, wie wir wissen, seither nicht mehr aufgehört - bis hin zum schier endlosen "Pa-Lafer" unserer Tage!

Geändert haben sich allerdings die Geschmäcker. Heute singt keiner mehr so ungeniert sein Loblied auf Konservierungsmittel und Tütensuppen - und auch der Kalorienpegel ist seither drastisch gesunken.

Wilmenrod's Hauptaufgabe war es, rückblickend betrachtet, den beginnenden Überfluß zu kanalisieren.

Versuchte er - als der westdeutsche TV-Küchenchef - also, den noch etwas irritierten und unentschlossenen Wohlstandsbürger einzuweisen in den möglichst unfallfreien Umgang mit der Worcestersauce, dem Ketchup und dem Käse-Igel, so brutzelte sein ostdeutsches Pendant, Rudolf Kroboth, der Fischkoch des DFF, unter ganz anderen Vorzeichen. Sollte er doch durch geschickte Rezeptauswahl die Begehrlichkeit nach unerreichbaren Luxusprodukten gerade verhindern, volkseigene Spreewald-Gurken anpreisen statt Bananen, und helfen, den Mangel zu verwalten -
oder vielmehr das, was wir in unserem Schlaraffenland so unter "Mangel" verstehen!
 

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"Zeitwort"  vom 16.9.00
16.SEPTEMBER 1956: BELA LUGOSI "IS DEAD"
                                                                         (von Lutz Neitzert)

Nachdem er als Shakespeare's "Romeo" debütiert hatte, reüssierte er zum ersten Mal vor großem Publikum ausgerechnet bei den Passionsspielen im ungarischen Debrecen:
in der Rolle "Jesu Christi"!
1882 als Bela Ferenc Blasko geboren, gab er sich später nach seiner Heimatstadt Lugos den Künstlernamen Lugosi.
Einige Lexika datieren seinen Tod einen Monat zurück - auf den 16.August 1956 -
als spiele das nun in seinem Fall irgendeine Rolle!

(BAUHAUS: "BELA LUGOSI IS DEAD")

"Bela Lugosi is dead" - mit diesem Stück begründete 1979 die britische Band "Bauhaus" ein neues Genre in der Popmusik: den "Darkwave-" oder "Gothic-Rock".
Und tatsächlich hätte man sich denn auch wohl kaum einen besseren Paten für diese schwarzen Klänge aussuchen können: Bela Lugosi ist bis heute sicherlich die gelungenste Verkörperung eines "Gruftie".

Nach einem Auftritt als "Chingachcook" in einer frühen Verfilmung von Fenimore Cooper's "Lederstrumpf" hatte er bald seine Passion und eigentliche Bestimmung gefunden: "Dracula"!

1919 aus politischen Gründen aus Ungarn geflohen, emigrierte er über Deutschland in die USA -
und von da an heftete sich - zuerst am Broadway und dann in Hollywood - (bewaffnet mit Knoblauch, Kruzifix und Eichenholzpflock) ein unerbittlicher Widerpart an seine Fersen - ein gewisser "Jan van Helsing".

Sein Holzschnittgesicht - beleuchtet stets von unten (dazu zwei kleinen Extrascheinwerfer auf die hypnotischen Augen gerichtet) - und unterstützt durch einen befremdlichen ungarischen Akzent bekam die legendäre Gestalt aus Transsilvanien mit ihm ihr erstes unverwechselbares Konterfei.

Doch so filmreif die Vorlage, die Novelle des Iren Bram Stoker, auch ansonsten ist (immerhin gibt es bis heute mehr als 150 Kinoversionen der tiefgründigen Schauergeschichte), mit einem Detail der Legende mochte sich kein Regisseur anfreunden: Vampire haben keinen Schatten!
Schon Murnau setzte sich im Namen der Dramaturgie über diese hinderliche Vorgabe hinweg und ließ seinen "Nosferatu" Max Schreck Häuserwände und das Antlitz schreckensstarrer Opfer eindrucksvoll (aber eben vorschriftswidrig) verdunkeln.
Und auch Lugosi's Silhouette warf allerorts unheilschwangere Schatten.

Nur ein Zeitgenosse stahl ihm in seinem Metier zeitlebens die Schau und das war Boris Karloff!
Zu einem Gipfeltreffen kam es in "Frankenstein's Sohn", wobei Karloff, wie üblich, das zusammengeflickte Monster gab, während Lugosi den subalternen Gehilfen Igor darstellte.

Nach einem letzten großen Erfolg, als zwielichtiger "Dr.Werdegast" in Edgar Allan Poe's "Schwarzer  Katze",  endete seine Karriere schließlich abrupt auf der "schwarzen Liste" des Kommunistenjägers McCarthy. Kein Hollywoodstudio wagte es danach den als vermeintlichen staatszersetzenden Linken Angeprangerten weiter zu engagieren. Anders als für andere Verfemte, wie Chaplin oder Orson Welles, war Lugosi's Laufbahn damit zu Ende.

Zudem schien man schnell einen passenden Ersatz gefunden zu haben:
Christopher Lee übernahm den Part des "Grafen".

Nur noch eine skurrile Episode sollte folgen.
Ein gewisser Ed Wood (dessen tragikomische Geschichte, als eines ebenso ambitionierten wie talentlosen Regisseurs, zuletzt in die Kinos kam - mit Johnny Depp in der Titelrolle und Martin Landau als Lugosi), dieser Filmkünstler der besonderen Art verschaffte seinem Idol posthum noch einen Auftritt in dem kuriosen Streifen "Plan Nine from outer Space",  dem ( - Kritiker und Publikum sind sich darin einig - ) schlechtesten Film aller Zeiten. Dazu nahm er Probeaufnahmen, die er mit Lugosi gemacht hatte und montierte sie zu einer Sternstunde des Dilettantismus.
Und wo das Material nicht reichte, ließ er ihn kurzerhand doubeln vom Chiropraktiker seiner Frau.

Nach vier gescheiterten Ehen (eine davon hielt ganze drei Tage) starb Bela Lugosi (heute vor 44 Jahren) morphiumsüchtig nach einem Herzinfarkt in Los Angeles.
Zu Grabe trug man ihn (gehüllt in sein berühmtes Dracula-Cape) auf dem Friedhof  zum "Heiligen Kreuz".

Die Kunst der alten Horrorklassiker hatte darin gelegen, das Schauerliche so raffiniert nur anzudeuten, daß im Kopf des Zuschauers die Schreckensbilder erst eigentlich entstanden.
Heute, da dieses Genre nurmehr reichlich witzlose Kunstblutorgien zelebriert, ist kaum noch nachvollziehbar, daß man damals beim Anblick eines solchen "Dracula" schlotternd im Kinosessel versank.
Boris Karloff, Lon Chaney oder der "Adam's Family" begegnet man mittlerweile im Sonntagsvormittagsprogramm
und schon die Kleinsten kennen Bela Lugosi's Abbild: als ihren Fernsehmathematiker "Graf Zahl" aus der "Sesamstrasse"!

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SWR-"Zeitwort" am 13.10.00       
13.OKTOBER 1955: ALLEN GINSBERG REZITIERT "HOWL"
                                                        (von Lutz Neitzert)

Der Literatenzirkel der "Beatniks" hatte, wie der Name schon sagt, mit "Beatmusik" nix zu tun!

Schon in den 50er Jahren gaben junge Autoren wie Jack Kerouac, William S.Borroughs, Lawrence Ferlinghetti oder Allen Ginsberg in ihren Texten einer völlig neuen Auffassung von Kunst, Politik und menschlichem Zusammenleben eine eigenwillige Stimme.
Sie selbst etikettierten und präsentierten sich als die "Beat Generation" - bewußt die Doppeldeutigkeit des englischen Wortes "beat" assoziierend:
einerseits also stilisierte man sich (etwas wehleidig) zur verprügelten, von Politikern wie Eisenhower oder McCarthy in ihrem Streben nach Freiheit und Selbstverwirklichung unterdrückten Nachkriegsjugend - und andererseits deutete man an, daß man gewillt war, einem neuen Taktschlag zu folgen - nicht nur in der Musik - aber auch dort.
Und auf ihren Plattentellern lief Bebop-Jazz.

(CHARLIE PARKER "SCRAPPLE FROM THE APPLE")
                                                                     
Genauso wild und ungebärdig wollte man sein wie ein Charlie Parker, Dizzy Gillespie oder Thelonious Monk.
Beim Schreiben (und mehr noch beim leidenschaftlichen Rezitieren der Texte) versuchte man phonetisch und auf nervös swingenden Versfüssen die treibende Jazz-Rhythmik nachzuempfinden.

Allerdings trafen diese Sympathien zunächst kaum auf Gegenliebe.
Ausgeflippte neunmalkluge weiße Mittelstandssöhnchen waren nicht unbedingt jenes Publikum, welches sich die Jazz-Revoluzzer im schwärzesten Harlem damals gewünscht hatten.
Doch einerseits hatte sich ihr ureigener Hörerkreis, die afroamerikanische Jugend dem schlichteren Rhythm & Blues zugewandt -
und andererseits: so leicht brüskieren oder gar abwimmeln ließen sich diese neuen eingeschworenen Fans nicht, die allabendlich vor der Bühne hin- und mitgerissen auf den Tischplatten trommelten und dazu (durchaus im richtigen Beat) mit den Füßen wippten.

Zu jeder Gelegenheit suchten sie die Begegnung mit den vergötterten Musikanten - und schließlich gaben diese der Werbung nach.
Ginsberg selbst nahm in der Folge diverse "Jazz & Poetry"-Platten auf (mit Interpreten wie Don Cherry oder Elvin Jones) und auch Kerouac und die anderen bekamen letztlich dann doch noch, was sie wollten.

(aus ALLEN GINSBERGs "HOWL" )

"Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört von Wahnsinn, ausgemergelt, hysterisch, nackt..."!
So beginnt sein viele Seiten langes Gedicht, das zum Fanal werden sollte.

Am 13.Oktober 1955, heute vor 45 Jahren, in der Künstlerkneipe "Six Gallery" in San Francisco, las Allen Ginsberg zum erstenmal "Howl" - Kerouac trommelte dazu auf einer Weinflasche - das Publikum geriet in Ekstase und applaudierte seinen wort- und bildmächtigen Ausfällen gegen Konservatismus, Technokratie und Kommerz.

So richtig ins Rampenlicht geriet er allerdings erst ein Jahrzehnt später, im Umfeld der Hippiebewegung, die seine Ideale auf ihre Transparente geschrieben hatte.

Übrigens soll er es gewesen sein, der den Begriff "Flower Power" prägte.

Und dieses Mal waren auch die Musiker der Bewegung von Beginn an ganz auf seiner Seite - bzw. sie hingen an seinen Lippen.
Und in den Ecken drängten sich derweil dunkle Gestalten in Diensten des FBI und folgten ihm mit hochgeschlagenen Trenchcoatkrägen auf seiner endlosen Tournee von Sit-in, zu Teach-in, zu Love-in, von Happening zu Happening.
Oder sie schauten ihn sich im Kino an: in Undergroundfilmen wie "Chappaqua" / mit Ginsberg als Messias, Ravi Shankar als Sonnengott, William Burroughs als Opium-Dealer und dazu der Musik seiner Hausband "Fugs".

Der 1926 geborene Sohn eines russischen Literaturprofessors war ständig (dem erklärten Motto der "Beatniks" folgend) unterwegs.
Seine Expeditionen führten ihn durch alle Weltgegenden und auch immer wieder auf verschlungenen Pfaden ins Innere der menschlichen Seele.

Sein väterlicher Freund und Kollege William Carlos Williams leitete eine Lesung einmal ein mit den Worten:
  "Nehmen Sie die Säume Ihrer Gewänder hoch, meine Damen, wir gehen durch die Hölle!"
und ein andermal meinte er:
"Ich hätte nie gedacht, daß er lange genug leben würde, um erwachsen zu werden und einen Band Gedichte zu schreiben!"

Und tatsächlich war sein 70 Jahre währendes Leben angefüllt mit Extremsituationen.
Überall wo es brannte, ist er rädelsführend dabei gewesen.
Dazu experimentierte er mit allen nur erdenklichen Drogen - auch "Howl" soll entstanden sein nach einem ausgedehnten Meskalin-Trip.

An einem Novembertag des Jahres 1960 war Ginsberg bei Tim Leary zu Gast. Man hörte Wagner-Musik und verspeiste dazu psychedelische Pilze. Im einsetzenden Rausch dann plötzlich kam ihm die Gewißheit, der Erlöser zu sein. Nackt wie er war, ging er also zum nächsten Telefon, um Nikita Chruschtschow, Norman Mailer und andere bedeutende Persönlichkeiten davon in Kenntnis zu setzen.
"Wer, sagten Sie, spricht dort?" fragte das Fräulein vom Amt etwas irritiert und er buchstabierte:
"G-O-D" (GOTT)!
 

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SWR-"Zeitwort"  vom 5.8.99
DER JAZZ-KLARINETTIST MEZZ MEZZROW STIRBT AM 5.AUGUST 1972
                                                             (von Lutz Neitzert)

"Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang war das Leben ein einziges schaukelndes Bad in einer Wanne aus 22-karätigem Gold, gefüllt mit Milch und Honig. Den ganzen Tag holte der Drogist unter dem Ladentisch Literflaschen hervor, die als Haarpflegemittel getarnt waren... (Und) in Chicago schwelte eine Revolution, angezettelt von einer Schar Studenten mit rosigen Wangen. Diese Rebellen standen auf einem Orchesterpodium statt auf einer Seifenkiste... aber die Wirkung war die gleiche... Aus dem...Bauch des übersättigten Landes sang ihnen eine ganz neue Stimme zu (und) gab Antwort auf all ihre Fragen... Es war die Stimme des Jazz, die sich über dem... Geklirr der Whiskyflaschen hörbar machte!"

So beschrieb der Klarinettist Mezz Mezzrow in seiner Autobiographie die "Goldenen 20er Jahre" der Prohibition in Amerika.
Verbunden mit seinem Namen ist der Prozeß der Urbanisierung des Jazz im Chicago Al Capone's.
Zum ersten Mal nahm sich damals eine junge Bohème mit europäisch-romantischem Kunstideal und Lebensstil dieser noch neuen Musik an, welche gerade eben erst, der wirtschaftlichen Konjunktur folgend, mit ihrer Gründergeneration aus dem Süden der Vereinigten Staaten in die Industriezentren des Nordens gezogen war. Und hier nun galt es, diese Klänge dem großstädtischen Leben anzupassen.
Kaum ein anderer verkörperte und propagierte so entschlossen jene neue Einstellung zum Metier, welche den Typus des Jazzmusikers von da an charakterisieren sollte - jene Mischung aus intellektueller Widerspenstigkeit, jugendlicher Subkultur und entschiedener Hochachtung vor dem Erbe afroamerikanischer Kultur.
Und was Al Capone anbetraf, so war er mit seinem Nachtclubimperium der wichtigste Arbeitgeber all dieser Musiker. Auch Mezzrow stand lange auf seiner Gehaltsliste - und zwar nicht nur als Musikant, sondern auch als versierter Schwarzbrenner.
Überhaupt hatten es ihm die diversen Rauschmittel ganz offensichtlich angetan - der Alkohol und der New Orleans-Jazz und das Haschisch und Marihuana. Nicht nur Louis Armstrong's "Hausdealer" ist er gewesen und aus diesem Grund des öfteren im Gefängnis, wo er übrigens in jungen Jahren auch das Klarinette- und Saxophonspiel erlernt hatte. Er galt als unbestrittene Autorität in Kiffer-Kreisen und ein neueres Buch über ihn trägt denn auch den passenden Titel: "Die Tüte und die Tröte"! Wobei er stets warnte vor den Gefahren härterer Drogen wie des Heroins, welches damals gerade in der Szene auftauchte und dem viele aus der nächsten Generation zu Opfer fallen sollten.

Was seine musikalische Klasse anbetraf, so war diese (im Gegensatz zu der einiger seiner Mitstreiter  - wie etwa des Geigers Joe Venuti oder des Gitarristen Eddie Lang) doch eher bescheiden. Ein gehässiger Kritiker etwa meinte einmal, daß er "so konstant neben der Tonart (zu spielen pflegte), daß er (dabei durchaus mit ein wenig Glück) eine neue Tonleiter hätte (entdecken) können"!

( "GUT BUCKET BLUES")
 

1899 in Chicago als Sohn russischer Juden geboren und getauft auf den Namen Milton Mesirow, sah er sich von Kindheit an in einer ähnlichen gesellschaftlichen Außenseiterrolle wie seine schwarzen Idole - und er tat alles, dieses als sein Selbstverständnis immer wieder zu betonen. Er heiratete eine Farbige und im (weltgeschichtlich so schicksalhaften) Jahr 1933 stellte er eines der ersten gemischtrassigen Orchester zusammen.
Und nicht zuletzt die dadurch herausgeforderten alltäglichen Diskriminierungen veranlaßten ihn schließlich nach dem Krieg dazu, nach Europa überzusiedeln. Er lebte fortan in Paris, wo er heute vor 27 Jahren, am 5.August 1972, auch gestorben ist.
Und auf jemanden wie ihn hatte die französische Musikwelt offenbar nur gewartet. Hochkarätige amerikanische Musiker hatte man mittlerweile genug, doch mit Mezzrow war vor allem ein eloquenter Missionar erschienen, der spannend und aus erster Hand berichten konnte - wenngleich man bald merkte, daß man besser nicht jedes Wort dieses "Münchhausen des Jazz" auf die Goldwaage legen sollte.
Seine witzig geschriebenen Lebenserinnerungen jedenfalls sind noch heute ein vergnüglich zu lesendes Stück Musikgeschichte.

Allerdings war er andererseits weder bereit, noch fähig, den weiteren Weg seiner Musik hin zu immer anspruchsvolleren Stilen mitzuvollziehen.
Und dies veranlasste einen der entschiedensten Verfechter der Moderne, Boris Vian, einmal zu der flehentlichen Bitte:
"Lest ihn, aber hört ihn Euch (um Gottes Willen) nicht mehr an"!
 
 

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SWR-"Zeitwort" vom 12.10.01
    DAS PLATTENDEBUT DES FREEJAZZERS ARCHIE SHEPP AM 12.OKTOBER 1960
                                                            (von Lutz Neitzert)
   
Free Jazz-Black Power!
Um diese enge Beziehung wußte nicht nur die Jazzgemeinde, auch die amerikanische Öffentlichkeit registrierte den Zusammenhang in Zeiten innenpolitischer Aufruhr mit einigem Unbehagen. Eben noch war der Jazz im Zentrum einer florierenden Musikindustrie gestanden und nun flegelten sich dort auf den Bühnen äußerst zornige junge Männer, die ihr Publikum verbal zu beschimpfen oder gar aufzuwiegeln pflegten, es mit mehr als schrägen Klängen malträtierten und sich dabei auch noch in der Rolle von veritablen Freiheitskämpfern zu gefallen schienen.

Und daß einer der stilbildenden Interpreten zugleich studierter Literaturwissenschaftler und Kultursoziologe war und schließlich eine Professur an der renommierten "University of Massachusetts" innehatte, das war durchaus kein Zufall sondern Programm.
Archie Shepp verkörperte einen neuen Typus.
Wie er waren viele der Protagonisten des Freejazz blitzgescheit und hochgebildet.
Auch (und vielleicht sogar vor allem) das empfand so mancher als ein Affront - bis dahin waren (oder gaben sich) die Jazzmusiker ja zumeist breit grinsend und die Augen rollend als naive Clowns.
Mit dieser devoten Rolle und der darin vorgespiegelten Harmlosigkeit sollte es nun ein für allemal vorbei sein.

Heute vor 41 Jahren, am 12. Oktober 1960, stand der damals 23-jährige Saxophonist zum ersten Mal in einem Plattenstudio - in der Band des Pianisten und Freejazz-Pioniers Cecil Taylor. Unter dem Titel "The World of Cecil Taylor" entstand eine jener Aufnahmen, durch die das Jahr 1960 als Geburtsjahr des Freien Jazz in die Musikhistorie einging.

In der Musik selbst hieß das Credo: Ausmerzen all jener Elemente, die, wie man meinte, als Zutat weißer Unterhaltungskultur in den ursprünglichen Jazz eingedrungen waren, um ihn zu domestizieren und ihn dem weißen Amerika einzuverleiben.
Keine Terzenseligkeit mehr, kein Fingerschnippen, kein Mitpfeifen - stattdessen orgiastisch ausufernde Hymnen nach den Vorbildern archaischer Riten. Oft stundenlange Fegefeuer traten so an die Stelle des gewohnten Konzerts. Die konservativen Hörerwartungen des Publikums sollten um keinen Preis mehr bedient werden durch das Darbieten der immer gleichen Ohrwürmer.

Auch den Begriff "Jazz" wollte man nicht mehr dulden und man ersetzte ihn durch das Etikett "Black Music".
Man organisierte sich in selbstverwalteten Musikervereinigungen – auch das ganz im Geiste der Vordenker der Bürgerrechtsbewegung.

Ein typisches Beispiel für eine Musik, die vor allem als ein politisches Statement gehört werden wollte, war Archie Shepp’s "Malcolm, Malcolm - semper Malcolm" – gewidmet einem der militanteren Aktivisten der "Black Power" (und Widerpart Martin Luther King’s) – Malcolm X:

(ARCHIE SHEPP: "MALCOLM, MALCOLM  - SEMPER MALCOLM")

Doch wie jeder revolutionäre Fundamentalismus, so schraubten auch die schwarzen Freejazzmusiker zum einen die Ansprüche an ihr Publikum in ihrer Kompromißlosigkeit so hoch, daß schließlich nur noch wenige ihnen folgten und zuhörten - und zum anderen verstrickte man sich in unvermeidliche Widersprüchlichkeiten.

So fand diese Musik ihr Publikum nicht wie erhofft in Harlem oder in der Bronx, sondern leidenschaftlich diskutiert wurde jede neue Platte stattdessen jenseits des Atlantik, in den Intellektuellenzirkeln der Alten Welt.

Auf die Frage, was er in seinen Veranstaltungen lehre, antwortete Shepp kürzlich:
"Meine Vorlesung heißt Revolutionäre Konzepte in der afroamerikanischen Musik. Aber meine Studenten sind fast alles Weiße. Das ist die Ironie des Schicksals. Was von den Sechzigern geblieben ist, sind die Black Studies Departments an den weißen Universitäten!"

Und was er über die heutigen Vertreter schwarzer Musik- und Jugendkultur zu sagen hat, klingt ebenfalls reichlich resignativ: "Wenn wir etwa von den HipHoppern, von sogenannter Black Music heute reden... Diese schwarzen Kids, die von den Massenmedien präsentiert werden, sind zum großen Teil Leute ohne Schulabschluß. Für die Wahrnehmung eines Black Man ist aber das Verständnis des weißen westlichen Wertesystems immens wichtig. Die Kenntnis von westlicher Kultur, Literatur und Sprachen ist notwendig (für politisches Bewußtsein)!"

Hatte doch gerade ihr intellektuelles Niveau Musiker wie Archie Shepp in den 60ern zumindest eine kurze Zeit lang zu einer durchaus einflußreichen gesellschaftlichen Kraft werden lassen und zudem dafür gesorgt, daß auch der Jazz selbst endlich Anschluß fand an die Avantgarde der abendländischen Tonkunst.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse hat ein Aspekt der Bürgerrechtsbewegung eine neue Brisanz erlangt. Auf der Suche nach einer religiösen Bastion, welche man dem "American Way of Life" entgegensetzen konnte, konvertierten viele junge Schwarze damals zum Islam – nicht nur Musiker - man denke an Muhammad Ali. Und bis heute nennt sich die unversöhnlichste Gruppierung der Black Power "The Nation of Islam"!
 

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SWR-"Zeitwort"  vom 15.8.01
DER "WELTREKLAMEKONGRESS" 1929
                                                (von Lutz Neitzert)
 

"Reklame - der Schlüssel zum Wohlstand der Welt!"
So stand es auf dem offiziellen Plakat des "Weltreklamekongresses" 1929 in Berlin.
Der Künstler, der es entworfen hatte, Fritz Rosen, sollte übrigens vier Jahre später, 1933, aus Nazideutschland vertrieben werden.

In den 20er Jahren gab es überall Ausstellungen und Messen zum Thema Werbung. Vor allem Plakate wurden dort oft als veritable Kunstwerke präsentiert. Interessierte Betrachter wie Walter Benjamin bemerkten den Einfluß etwa der "Jugendstilästhetik" auf dieses Genre und schwärmten zudem davon, daß auf diesem Wege sowohl das Komische als auch das Obszöne endlich Einzug in den öffentlichen Raum der Städte gehalten habe.
Vor allem die Literatenzunft kannte zunächst wenig Berührungsängste. Hatte doch schon der junge Frank Wedekind nicht nur das skandalöse "Frühlingserwachen" eines Backfischs auf die Bühne gebracht, sondern mit gleicher Sprachgewalt den Segen einer bräunlichen Essenz gepriesen. Als Leiter der Werbeabteilung eines damals vielversprechenden "Start-ups" schmiedete er so manchen geschäftsfördernden Vers:
"Die Poesie ist die Würze des Lebens... wie Maggi’s Suppenwürze diejenige eines jeden guten Mittagstisches!"
Und selbst Bertolt Brecht ließ sich als Autonarr inspirieren von den Errungenschaften der modernen Zeiten. Für die Marke "Steyr" dichtete er enthusiasmiert:
"Wir haben sechs Zylinder und dreißig Pferdekräfte. Wir wiegen zweiundzwanzig Zentner...
Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen. Unser Motor ist ein denkendes Erz!"

Allen voran die Avantgarde der Autoren und Bildenden Künstler, die gerade dabei war, den ach-so-tiefsinnig vergrübelten Werken der Romantik eine den beschleunigten Zeitläuften angemessenere Ästhetik gegenüberzustellen, hatte von Anfang an ein kaum verhohlenes Faible für das Profane und Unseriöse der Reklame.
Zudem erwies sich diese als ein gut bezahltes Experimentierfeld mit einigem kreativen Freiraum.

Auch die Vorkämpfer eines ganz neuen Mediums, die frühen Filmemacher nämlich, erkannten bald die Chance, ihre kostspieligen Innovationen auf diese Weise von der Industrie mitfinanzieren zu lassen.
So gab es auch im Rahmen des heute vor 72 Jahren, am 15. August 1929, zuende gegangenen "Weltreklamekongresses" einen eigenen Wettbewerb für Werbespots (einen frühen Vorläufer der "Cannes-Rolle" gewissermaßen).
Den Sieg errang dabei "Die chinesische Nachtigall", ein Scherenschnitt-Trickfilm im Auftrag der "Tri-Ergon-Schallplatten"-GmbH, worin (frei nach Hans-Christian Andersen) ein Schallplattenhändler mit einem Grammophon die knifflige Märchenaufgabe löst, einen kaiserlichen Palast mit Vogelgesang zu erfüllen, um so eine liebreizende Thronfolgerin zu gewinnen.

Erstmals ernsthaft gefordert waren Marketingstrategen, als der erhoffte und erwartete Boom beim Absatz von Elektrogeräten ausblieb. Vor allem deutsche Kunden reagierten zunächst eher skeptisch und zurückhaltend auf die allzu phantastische Versprechung eines Paradieses aus der Steckdose.
Mit allen Mitteln galt es also, Bedarf zu wecken.

Und dabei begegneten den Kreativen so inspirierende Sujets wie etwa ein Staubsauger der Firma AEG mit dem schönen Namen "Vampyr", die nach einer künstlerischen Umsetzung geradezu verlangten.

Überhaupt versuchte man durch Reklame vor allem die Rationalisierung aller Lebensbereiche voranzutreiben - im Haushalt ebenso wie in der Arbeitswelt.
Nicht nur optische Reizquellen oder von der Industrie produzierte Hörspiele ("Soap Operas" genannt) dienten diesem Zweck - selbst an die Leseratten unter den Sekretärinnen wurde gedacht - es erschienen (nach dem Vorbild der Groschenhefte) sogenannte "Angestelltenromane" mit rührseligen Plots und Titeln wie: "Das Mädchen an der Orga-Privat-Schreibmaschine".

Die Branche wuchs und für die Macher wurde es schwierig, stets auf dem Laufenden zu bleiben.
Veranstaltungen wie der "Weltreklamekongreß" dienten so dem internationalen Erfahrungsaustausch - vor allem mit den erklärten Vorbildern aus Amerika.
Ihrer eigenen Bedeutung bewußt, hatte die US-Delegation denn auch ihren Auftritt geradezu zelebriert - feierlich überreichte man dem regierenden Bürgermeister von Berlin im Roten Rathaus die Stadtfahne von New York.

Natürlich blieb diese Entwicklung auch den wortführenden Gesellschafts- und Kulturkritikern jener Epoche nicht verborgen. Doch - so lesenswert deren Diagnosen auch waren (und wieder sind) - in einem reichte ihre Phantasie offensichtlich nicht aus. Sie schienen davon überzeugt, daß mit den "Roaring Twenties" die Durchkommerzialisierung des Alltagslebens nun abgeschlossen sei - sie konnten (oder wollten) sich nicht vorstellen, welche Perfektion die Choreographie der
"Tänze um das Goldene Kalb" am Ende des Jahrhunderts erreicht haben würde.
Daß aus jener Reklame, die den mündigen Bürger bloß harmlos und bescheiden an Litfaßsäulen und im Kinovorprogramm über Neues aus der Warenwelt in Kenntnis setzten wollte, einmal ein allgegenwärtiges Marktgeschrei werden sollte, das bis in den letzten Winkel dringt, und daß ihre Embleme gar einmal auf Sportlerbrüsten prangen würden, das war schwerlich abzusehen.

Das erste Kapitel der modernen Zeiten endete schließlich noch im gleichen Jahr 1929, an einem schwarzen Freitag im Oktober. Ein Heer von Spekulanten hatte sich verzockt, die Börsenkurse stürzten ab und die Welt schlitterte, wie wir wissen, in eine Katastrophe.
 
 

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SWR-"Zeitwort"  vom 21.7.01
           DAS ENDE DES LEGENDÄREN HIPPIEZENTRUMS "PERRY LANE" 1963
                                                        (von Lutz Neitzert)

Der berühmteste Bewohner der PERRY LANE war Thorstein Veblen, der Ende des 19.Jahrhunderts dort seine vielgelesene "Theorie der feinen Leute" verfaßt hatte.
Ausgerechnet dort!
Denn wie es einige Dekaden später in seinem Viertel aussah, das schilderte ein beredter Zeitzeuge:
"Alle möglichen Leute begannen, sich an der Perry Lane zusammenzufinden. Hier gab es das legendenumwobene Wildbret-Chili, ein Gericht (kreiert von Ken Kesey) aus Pichelsteiner mit einer kleinen Prise LSD, von dem man sich was reintun und sich dann auf die Matratze in einer Astgabel flätzen konnte, um mitten in der Nacht eine Runde mit der riesigen Lightshow droben am Himmel zu flippern. Die Lane war einfach zu schön, um wahr zu sein!"
So beschrieb Tom Wolfe als Insider und Chronist der frühen Hippiejahre den Beginn der psychedelischen Bewegung und deren erstes Domizil.

In San Francisco hatten sich in den späten 50er Jahren die "Beatniks", Schriftsteller und Aussteiger wie Jack Kerouac, Lawrence Ferlinghetti und Allen Ginsberg, ein sonniges Refugium geschaffen. Und diese stadtbekannte Clique mit ihrem provokanten Bürgerschreckimage zog vor allem die studentische Jugend in ihren Bann. Genauso "hip" wollte man sein wie diese alten ständig aufgedrehten Querköpfe. Ebenso wie diese verachtete man zutiefst alle Spießer, alle "Squares", mit ihrer langweiligen Vollkaskomentalität.
Lichtjahre glaubte man diese Spezies hinter sich zurücklassen zu können, in ihren weißumzäunten Reihenhäusern, zusammen mit den "Waltons", mit "Lassie" und "Fury" und der Schuld am sich abzeichnenden Desaster in Vietnam.

Soweit war man sich also einig.
Nur was die musikalischen Vorlieben anbetraf, gab es kleinere Differenzen.
Während die "Beatniks" sich (obgleich ihr Name anderes vermuten lassen könnte) für den alten Bebop-Jazz begeisterten und mit den Klängen der "Swinging Sixties" wenig anzufangen wußten, lauschten die Jungen umso andächtiger dem neuen Sound der Rockmusik.

Aus den "Beatniks" wurden also "Blumenkinder".
Deren erster Rädelsführer war Ken Kesey, der gerade mit einem Theaterstück Furore gemacht hatte: "Einer flog über das Kuckucksnest"!
In seinem Gefolge sorgten die "Pranksters", eine wilde Truppe aus hochgradig verhaltensauffälligen, Theater spielenden Freaks, für allerlei Happening - und so wurde seine Wohnung in der "Perry Lane" zum Anziehungspunkt und konspirativen Zentrum der Bewegung. Man schmiedete oft obskure Pläne für das nächste Wochenende im Speziellen und die Weltrevolution im Allgemeinen.
Und dazu schien jedes Mittel und auch jedes Mittelchen recht.

Nun begab es sich, daß zu der Zeit in unmittelbarer Nachbarschaft, am nahegelegenen "Menlo"-Hospital, (ebenso wie an einigen Universitäten) aufsehenerregende Versuche gemacht wurden mit neuen psychoaktiven Substanzen - und einige der beteiligten Forscher kamen bald in Kontakt mit den Hippies und freuten sich über deren ehrliches Interesse an ihren wissenschaftlichen Studien.

In Wolfe's Schlüsselroman "Unter Strom - The Electric Kool-Aid Acid Test" heißt es:

"Die Herren Doktoren Timothy Leary und Richard Alpert grillten die Hirne braver Harvard-Jungs zu Pommes: LSD!   Das war noch bevor Dr. Osmond den Begriff  'psychodelisch' erfand, den man später zu 'psychedelisch' verbesserte, um die Klappsmühlen-Assoziationen von 'psycho' loszuwerden. Es war in der Tat ein nettes kleines Geheimnis, auf das man da gestoßen war oder eigentlich war es vielmehr der Triumph der Versuchskaninchen. Irgendwie kriegten die Drogen plötzlich Beine und machten sich auf den Weg zur alten Perry Lane in Stanford's Bohème-Viertel!"

Und auch für den passenden Soundtrack jener Parties und grob fahrlässigen Psychoexperimente war gesorgt:
"Kesey hatte sich mit einer Rock'n'Roll-Band zusammengetan, den 'Grateful Dead', deren Boß Jerry Garcia war, jener verwahrloste Slumbursche, der zusammen mit anderen Tagedieben - Lumpenbeatniks - in Palo Alto gewohnt hatte; man hatte sie (zuerst) immer (wieder) hinauswerfen müssen, wenn sie herübergekommen waren, um (unsere Feste) an der... Lane zu sprengen!"
 

("DARK STAR" von GRATEFUL DEAD / LP-"Live Dead")
 
 

Heute vor 38 Jahren, am 21. Juli 1963, rollten die Bagger an und beendeten das erste Kapitel dieser Jugendrevolte.
Ein Bauunternehmer hatte den ganzen Straßenzug aufgekauft und machte die "Perry Lane" kurzerhand dem Erdboden gleich.

PS: Kurz vor seinem Tod befragt nach seinen Erinnerungen an das Ende der "Perry Lane",  schilderte mir Ken Kesey mit Wehmut die letzte Szene jenes denkwürdigen Tages:
Subject:: The End of Perry Lane
Tue, 05 Jun 2001 10:27
From: kesey  <kenk@efn.org>
To: Neitzert <dneitzer@rz-online.de>

                       Dr. Lutz--
Yep I remember them dozing down the Lane. We all sat in the street and watched the buildings rooted down.
As they were rooting down my backhouse I saw a familiar paper sack being ground into the ground.
"It's that sack of grass I lost! Stop! Lemme get it..."
But it was gone, ground into scraps of wood and glass and shingles and the disappearing dwellings. Oh well....
                        --Kesey
                     _________
                 _/     |
                |_  FURTHER _|
                   O       O

 
 
 
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SWR-"Zeitwort" vom 24.3.01
1957: DIE "WILDFÜTTERUNG IM HOCHHARZ"  ZUM ERSTEN MAL LIVE IM FERNSEHEN
                                                         (von Lutz Neitzert)

Ein verschneiter Bilderbuchwald mit hölzerner Krippe. Förster Wellbrock stapft in derbem Loden durch den tiefen Schnee und leert raschelnd seinen großen Sack. Dann hallen ein paar kurze, durchdringende Lockrufe im dunklen Tann - bevor der Grünrock wieder aus dem Bild verschwunden ist -
zu sehen gab es danach zunächst einmal: gar nichts - bloß ein idyllisches Stilleben - und das für eine ganze lange Weile!

(hier ganz kurz der Ruf einer NEBELKRÄHE - CD "Unsere Singvögel"/ KOSMOS-Verlag 1987)

Da saß er nun, der öffentlich-rechtliche Zuschauer - über sich und dem Sofa an der Wand in Öl den obligatorischen "Röhrenden Hirsch" - und um ihm die Wartezeit zu verkürzen hockte der Jagdexperte Heinz Brüll  als Moderator im Anstand, um lehrreich und Löns-belesen das Waidwerk als solches zu erklären und währenddessen die Vorfreude auf den (hoffentlich noch während der Sendezeit) kommenden Auftritt der Hauptakteure zu schüren - bis es dann, irgendwann, kurz vor Einbruch der Dämmerung tatsächlich auftauchte, das (ob der vielen Futterstellen gleich nebenan eigentlich gar nicht so hungrige) Rot-, Schwarz- oder Muffelwild.

Heute vor 44 Jahren, am 24. März 1957, 10 vor 6, an einem späten Sonntagnachmittag, gab es im NWDR zum ersten Mal die Live-Übertragung einer "Wildfütterung im Hochharz".
Und das "Alte Molkenhaus" bei Bad Harzburg, nahe des Brocken, im heutigen Nationalpark, bildete (schneesicher bis ins Frühjahr hinein) das ideale Ambiente für jene "Forstmeditation", die sich als ein wahrer Quotenhit der frühen Fernsehjahre erwies und so bis 1960 noch drei Wiederholungen erleben sollte.
Eine Pioniertat des "Reality TV"!
Denn, wer heute darüber schmunzelt, daß man sich anno dazumal offensichtlich am banalen Alltagsleben von  Platzhirschen, Spießern, scheuen Rehen, dreckigen Säuen und koketten Schmaltieren ergötzt hat, der werfe nur einmal einen kurzen Blick ins aktuelle Fernsehprogramm.
Nun gut, heute stehen die Kameras nicht mehr am Waldrand, sondern in Containern, und in Hürth statt im Harz, und die Anschauungsobjekte werden, auch das zugegeben, eher beim Duschen als bei der Nahrungsaufnahme beobachtet.
Im Internet aber gibt es tatsächlich noch immer Webkameras, die rund um die Uhr Livebilder von den Wasserstellen afrikanischer Nationalparks online übertragen - und auch dort herrscht (unter "http-Doppelpunkt-Irgendwas") zumeist gähnende Leere.

Wenn man die Geschichte der Tiersendungen im deutschen Fernsehen Revue passieren läßt, so stand also am Anfang der schlichte Versuch, den Blick des heimischen Försters auf seinen Wald einzufangen -  bis dann honorige Professoren wie Eugen Schumacher begannen, Pfeife schmauchend, zoologische Seminare abzuhalten und Dokumentarfilmer wie Hans Hass oder Heinz Sielmann ihre Pirschgänge derweil in immer exotischeren Gegenden unternahmen -
mit der Folge, daß manches Kind bald mehr wußte über die Flora und Fauna tropischer Regenwälder als über den eigenen Garten.

Dem Bildungsauftrag des Rundfunks gemäß entwickelte man zudem den Ehrgeiz, dem Normalbürger vor dem Bildschirm komplexe biologische - und schließlich ökologische - Zusammenhänge verständlich zu machen.
Gerade der Naturfilm dokumentiert auf sinnfällige Weise die Ambitionen der jeweiligen Fernsehmacher.
Und auch in diesem Genre spiegelte sich fortan der jeweils herrschende Zeitgeist.
Mit Bernhard Grzimek wurde der Tierfilm in den 60er Jahren unterderhand "politisch" und lenkte das Augenmerk der deutschen Öffentlichkeit erstmals (über den Rand der Etoscha-Pfanne und des Ngorongoro-Kraters hinaus) auf die gesellschaftlichen Probleme der sogenannten "Dritten Welt" und unsere Verantwortung für die "letzten Paradiese".

Und in den 70ern dann dürfte der alte Förster Wellbrock vermutlich wenig erbaut darüber gewesen sein, daß kritische Quergeister plötzlich auch sein ureigenes Metier vehement angriffen.
"Kann denn Füttern Sünde sein?" Diese Frage hätte ihm damals im schönen Harz sicher niemand zu stellen gewagt. Nun aber prangerte Horst Stern in seinen "Bemerkungen über den Rothirsch" genau das an. Er unterstellte nämlich, daß eine exzessive "Wildfütterung", nur dazu diene, möglichst viele potentielle Geweihtrophäen über den Winter hinein in die nächste Jagdsaison zu retten - auf Kosten des Waldes, der durch die zu groß gewordenen Tierpopulationen Schaden nehme.
Mit dem romantisch naiven Naturbild der 50er Jahre jedenfalls war es danach auch im Fernsehen ein für allemal vorbei.

Und in unseren Tagen?
Heute, da die Programmverantwortlichen offenbar glauben, daß man die Menschen nur dann noch für einen Blick in die Natur begeistern kann, wenn man diese (vorzugsweise unter Titeln wie "Fressen und Gefressenwerden" oder "Der gnadenlose Kampf ums Überleben") als Thriller oder blutigen Kriegsschauplatz präsentiert, da haben gemütlich Kastanien mümmelnde Wiederkäuer natürlich keinen Platz mehr im allzu grell gewordenen Rampenlicht.
 

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SWR-"Zeitwort" am 30.11.00

1956: DIE ERSTE "MAZ" IN DER GESCHICHTE DES FERNSEHENS
                                                  (von Lutz Neitzert)

Das meiste aus der Frühgeschichte des deutschen Fernsehens ist unwiederbringlich versendet und existiert bloß noch in der flüchtigen Erinnerung älterer Semester.
Da es (außer dem teueren, zeitaufwendigen und unhandlichen Kinofilm-Medium Zelluloid) noch keine probate Möglichkeit gab, bewegte Bilder aufzuzeichnen und zu speichern, sind weder die ersten Auftritte des "Blauen Bocks" noch die ersten weinseligen Runden im Zigarrendunst des "Internationalen Frühschoppens" dokumentiert, weder die frühen Zoologieseminare der  ehrwürdigen Tierprofessoren Eugen Schumacher und Bernhard Grzimek, noch der Aufstieg unserer Quizmaster Kulenkampff und Frankenfeld.

Beinahe alles, was damals, in den 50er Jahren, über den bundesdeutschen Bildschirm flimmerte, war (notgedrungen) "live".

Selbst die erste deutsche Seifenoper, die "Schölermanns" - das folgenreiche gutbürgerliche Familienleben um Mutter Trude, Vater Matthias und das ewig liebeskranke Evchen - wurde (aus einem Studio im Bunker am Hamburger Heiligengeistfeld) direkt in die Wohnzimmer übertragen.

Hinreichend Raum also für allerlei Anekdoten und Legenden.

Die Idee, das elektromagnetische Prinzip zur Konservierung von Schwingungen aller Art zu verwenden, gab es schon lange. Und bereits 1928 meldete der deutsche Ingenieur und Tüftler Fritz Pfleumer das Magnetband zum Patent an.  Zunächst nur als Tonaufzeichnungsmaterial gedacht und in Gebrauch, dauerte es noch über 20 Jahre, bis die Firma "Ampex" ein erstes 2 Zoll breites Videoband vorstellte. Im Laufe der Zeit wurden die Formate dann immer handlicher, bis "Sony" 1975 ein Halbzoll-Band in eine Plastikkassette steckte und mit dem "Betamax-System" den Videorecorder auch in die privaten Haushalte brachte.

"MAZ ab!" hieß es zum ersten Mal während eines offiziellen TV-Programms heute vor 44 Jahren, am 30. November 1956, im New Yorker CBS-"Studio 41".

"Douglas Edwards with the News" war die erste regelmäßige Tagesschau in der Geschichte des Fernsehens. Bereits 1948 hatte die Sendung ihre Premiere und von Beginn an ein grundsätzliches Problem: die verschiedenen Zeitzonen in den Vereinigten Staaten.
Wenn es an der Ostküste 20 Uhr und also Zeit für die Abendnachrichten war, saß man in Kalifornien noch draußen am Strand. Und so mußte der Sprecher jeweils 3 Stunden später erneut ins Studio, um die gleichen Meldungen für die Zuschauer an der Westküste ein zweites Mal zu verlesen.
Erst die Magnetaufzeichnung erlaubte es endlich, eine einmal produzierte Sendung (von einem "Ampex VR 1000"-Videoband) beliebig oft abzuspielen.

In Deutschland zog die revolutionäre Technik erst 1959 in die Funkhäuser ein.

Vor allem in der Sportberichterstattung sollte dies völlig neue und schnell erkannte Möglichkeiten eröffnen.
Etwa im Fußball. Während von alten Begegnungen aus der "Fritz Walter"-Ära meist nur einige wenige und zudem oft recht zusammenhanglose Spielszenen in den Wochenschauen zu sehen waren, konnte man nun aus dem vorliegenden Material in aller Ruhe am Schneidetisch in sich stimmige Kurzberichte von 2-3 Minuten Länge komponieren.
Gerade rechtzeitig zum Start der Bundesliga waren Know-how und Equipment schließlich so ausgereift, daß man im ZDF darangehen konnte, mit dem "Aktuellen Sportstudio" ein Sendekonzept zu entwickeln, welches auf dieser Form der Präsentation aufbaute.
Und tatsächlich bot man hier den Zuschauern ein völlig neues Bild.
Nicht nur den Blick in gequälte Moderatorengesichter in Großaufnahme, wenn die MAZ einmal wieder nicht starten wollte.
Der Fernsehsport erhielt plötzlich eine ganz eigenständige Dramaturgie, die bis heute immer weiter perfektioniert und nach den Kriterien der Unterhaltungsindustrie und Popkultur zugespitzt worden ist - als Folge wurde die Diskrepanz zwischen dem Geschehen im Stadion und seiner Darstellung im Fernsehen immer eklatanter. (Und zuletzt wird das eigentliche Live-Ereignis vermutlich kaum noch mit seinem medialen Abbild konkurrieren können).
 

Die Zeit der Bänder allerdings wird bald endgültig vorbei sein - auch in den Funkhäusern werden stattdessen nur noch leise surrende Festplatten und kleine silbrige Scheiben rotieren.

Und damit wird auch eine Gefahr noch einmal größer werden: die Gefahr der Manipulation.
Nicht durch die prinzipielle Machbarkeit, die bestand auch schon am Schneidetisch, sondern
durch die verführerische Beiläufigkeit, die das nachträgliche Verändern, das Nachbessern oder eben auch das vorsätzliche Verfälschen im volldigitalisierten Betrieb durch den einfachen Mausklick erhält.

Und was die Vergänglichkeit anbetrifft, so sehen die Prognosen der Materialforscher auch bei den modernsten Speichermedien (vergleicht man sie etwa mit Pergamenten oder Papyrusrollen) eher pessimistisch aus. Länger als ein paar Jahrzehnte dürften vermutlich weder ein Magnetband noch ein digitaler Datenspeicher dem Verfall widerstehen.
 
 

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SWR-"Zeitwort" vom 1. April(!) 1999
            FERDINAND LOH KOMPONIERT DEN "FLOHWALZER"
                                                       (von Lutz Neitzert)
 

Gut 3 Wochen nach dem 1.April, am 21.Geburtstag des Komponisten, heute vor 109 Jahren, am 24.4.1890, soll es gegen 8 Uhr morgens endlich soweit gewesen sein und eines der meistgespielten Stücke der Musikgeschichte sei nach siebenjähriger Arbeit vollendet worden.

Jeder hat es im Ohr, doch trotz seiner bis heute unerreichten Popularität sucht man selbst im gut sortierten Plattenladen vermutlich vergebens nach einer höherem Anspruch genügenden Aufnahme. Keiner der großen Virtuosen unserer Tage hat es bislang in sein Repertoire übernommen und höchstens als zeitvertreibende Melodie in einer Telefonwarteschleife begegnet es uns einmal auf klanglich ansprechenderem Niveau.

("FLOHWALZER")

Und, was noch mehr verwundert, sein Schöpfer war vollends in Vergessenheit geraten.

Bis vor wenigen Jahren in einem renommierten Verlag ein Buch erschien, das versprach, das Rätsel um die Urheberschaft zu lüften. Sein Titel:
"Der Komponist Ferdinand Loh und sein Opus magnum - Der Flohwalzer!"
Und mehr noch, der Autor Eric Baumann gibt darin sogar vor, das Entstehungsdatum durch ein Briefzitat genauestens belegen zu können:

"London, den 24.April 1890
Habe heute früh... meinen ‘Walzer’ fertiggestellt... Äußerlich ist er zwar klein, aber ich habe das Gefühl, daß ich alles hineingelegt habe, dessen ich nur fähig bin...Habe alle anderen Werke feierlich im Ofen verheizt... Solch ein Stück hat’s noch nicht gegeben auf der Welt - wer mich und meine Philosophie kennenlernen will, braucht’s nur gründlich zu studieren... (Und) nun wird erst einmal gefeiert!"

Ferdinand Alfred Gustav Loh sei der Name des bislang unbekannten Tonkünstlers, weitab von den kulturellen Zentren des 19.Jahrhunderts, in einem meerumschlungenen Küstenort an der Waterkant, geboren,
von Wagner tief beeindruckt (wenngleich ganz offensichtlich nur wenig beeinflußt) habe er bald seinen ganz eigenen Stil entwickelt.
Und die Tragödie dieses Künstlerlebens sei es gewesen, daß alle bedeutenden Musikverleger sein Hauptwerk ablehnten - mit solch fadenscheinigen Begründungen wie "zu kurz", "zu unbedeutend" oder "wenn schon Walzer, dann doch bitte im Dreivierteltakt".

Der Name der Komposition, so Baumann, verdanke sich übrigens nicht etwa, wie man naheliegenderweise vermuten möchte, der Assoziation mit dem besagten kleinen Ungeziefer, sondern einem simplen Druckfehler.
Das Stück sei damals betitelt mit "F. (Punkt) Loh: (Doppelpunkt) Walzer" in Druck gegeben worden und da er so eng und unleserlich geschrieben habe, sei dem Setzer offensichtlich die Interpunktion entgangen und so hätte er die zehn Buchstaben eben kurzerhand zu einem einzigen Wort zusammengezogen.

Allerdings mehren sich gewichtige Stimmen, die Baumann, eine allzu blühende Phantasie vorwerfen und manches Urteil des Autors nicht bereit sind zu teilen. Etwa seinen Vergleich mit anderen Größen der Tonkunst:
"Während Beethoven für eine (Einleitung) noch mitunter über 300 Takte benötigte, kommt Loh ... mit (nur) 4 Takten aus... Man bedenke, welche Enthaltsamkeit dazu gehört, sich so kurz zu fassen!"

Es werden also wohl doch noch weitere Forschungsanstrengungen unternommen werden müssen, alle Fragen endgültig zu klären.

Doch, wie dem auch sei (und Spaß beiseite), unbestritten bleibt, daß gerade solche Klavierminiaturen wie der "Flohwalzer" eine bestimmte Epoche der Musikgeschichte sehr treffend charakterisieren.

Das Pianoforte rückte im vorigen Jahrhundert als wichtigstes Medium ins Zentrum der Musikpflege. Dem höfischen Prunk entzog sich das Bürgertum im Salon und schuf dort ein neues Ambiente für die Darbietung von Musik.
Zu diesem Zweck wurde auch der Nachwuchs - vor allem die höhere Tochter - ans Klavier beordert (bzw. wenn der Etat es zuließ, an den Flügel).

Und um stets aufs neue zu unterstreichen, daß häusliches Beisammensein das neue Kunstgefühl prägen sollte, klimperte man mit Vorliebe zu zweit - und dazu eignete sich nun einmal kaum ein Stück besser als der "Flohwalzer".

Schon Adorno bemerkte hierzu:  "(Musik zu vier Händen) schickt sich besser als jede andere... in die Wohnung. Sie (wird) auf dem Klavier als einem Möbel hervorgebracht, und die(jenigen) die sie ohne Scheu vor Stockungen und falschen Noten traktieren, gehören zur Familie... Das Zuhören beim Vierhändigspielen ist (allerdings) kaum je(mals) eine Freude!"

Für den Zuhörer wohl nicht, aber für die in trauter Zweisamkeit Musizierenden hat die Sache unter Umständen dann doch gelegentlich auch ihrer Reiz. Man denke etwa an jene berühmte Szene aus Billy Wilder’s Filmklassiker "Das verflixte siebente Jahr", in der Marilyn Monroe’s Nachbar, nachdem er von Rachmanninoff als Mittel der Verführung Abstand genommen hatte, sich statt dessen zu ihr ans Piano setzt und sie zusammen beginnen, den "Flohwalzer" zu spielen - tête-à-tête und vierhändig.

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SWR-"Zeitwort" am 29.3.03
 WINTER vs MOORE
       AM  29. MÄRZ 1974 NIMMT "JUD’S GALLERY" DEN TITEL "NORDRACH" AUF

                                                                 (von Lutz Neitzert)

Am Fuß des Schwarzwaldes schlängelt sich der "Nordrach",
der gleichnamige Ort (nahe Offenburg) gewann einen 1. Preis bei "Unser Dorf soll schöner werden" und an den Ufern jenes Flüßchens, da gab es zur Hochzeit des "Krautrock" eine Band: "Jud’s Gallery"!
Und am 29. März 1974 ging diese Gruppe um Jürgen (genannt "Judy") Winter und den Gitarristen Peter Oehler ins Studio U1 des Südwestfunks in Baden-Baden, um Aufnahmen zu machen für den legendären "Popshop" auf SWF 3.
Der ambitionierteste Titel, der bei dieser Session eingespielt worden ist, war eine 12-minütige Wassermusik: "Nordrach"!
Und nach ca. 8 Minuten und 15 Sekunden erreicht der Bach darin eine Stelle, welche die Musiker offenbar eher an den Mississippi als an die Ortenau erinnert haben muß und die sie zu einer folgenreichen Klangmalerei inspirierte:

("NORDRACH")

Kommt Ihnen diese Melodie vielleicht irgendwie bekannt vor
Nun, die Band bestand nur für ein paar Monate, und die Aufnahmen verschwanden für lange Jahre im Radioarchiv und in den Musiktruhen der Musiker.
Und dann begab es sich, daß ein Star der internationalen Popszene im Jahr 1990 einen Hit landete:

("STILL GOT THE BLUES")

"Still got the Blues" von Gary Moore.
Eines Tages, beim nostalgischen Stöbern in alten Tonkonserven, machte Jürgen Winter’s Freundin Heidi die verblüffende Entdeckung.
Nach einem ersten Nanu begannen sie Indizien zu sammeln und schließlich strengte man einen Plagiatsprozeß an gegen Gary Moore und dessen Plattenfirma, "Virgin-Music" – bei der "Jud’s Gallery" übrigens ehedem vergeblich versucht hatte, einen Plattenvertrag zu bekommen.
Die wichtigste Frage:
Konnte der britische Gitarrist den Titel "Nordrach" denn überhaupt einmal gehört haben?
Moore lebte tatsächlich in dieser Zeit nachweislich eine Weile in Bonn und Winter benennt einen Zeugen, der erklärt, seinen damaligen Mitbewohner nicht nur beim Hören des "Popshop" belauscht zu haben, er habe ihn einmal sogar zu einem Konzert von "Jud’s Gallery" nach Beuel begleitet.
Die Lokalpresse schrieb im Dezember 2001:
"Hat Gary Moore einen seiner größten Hits geklaut?
Die Geschichte des Song-Klaus reicht bis in die Siebziger Jahre zurück.
Der heutige Superstar war als Mitglied der Band `Thin Lizzy´ damals lediglich in Kennerkreisen bekannt. Gleichzeitig stand eine junge Deutschrockband kurz vor ihrem Durchbruch...
Hochspannung in Sinzig am Rhein – wo der Kopf von `Jud’s Gallery´ heute lebt.
Vor dem Münchner Landgericht geht es um viel Geld!"
Illustriert hatte man den Artikel mit einem siegesgewiß lächelnden Jürgen Winter neben seinem arg zerknirscht dreinschauenden Prozeßgegner.
Ob purer musikalischer Zufall, vorsätzlicher Raub eines Geniestreichs oder ob die inkriminierte Tonfolge seit jenen Bonner Tagen als anonymer Ohrwurm in Gary Moore’s Gehörgängen nistete, um dann im Kreise britischer Bluesveteranen nach bestem Wissen und Gewissen als vermeintlich eigene Schöpfung wiedergeboren zu werden – wie dem auch sei, auf alle Fälle ist es eine spannende Anekdote der Musikgeschichte und ein ideales Thema für zukünftige juristische Seminare.
In einem ersten Gutachten der Kläger hieß es:
"`Nordrach´ ist eine Art symphonisches Rockpoem - ideell verwandt mit Smetanas `Moldau´, beschreibt es den Lauf des Flüßchens. Typisch für den deutschen `Krautrock´-Stil der 70er Jahre ist die freie Mischung aus Rock, Jazzrock, Funk und Blues... Die musikalische Analyse bestätigt die weitgehende Übereinstimmung beider Titel.
Es bildet sich beim Hörer unmittelbar die Meinung: `Das ist ja das gleiche Stück!´"
Nun, entscheiden Sie selbst! Hier hören Sie die beiden Gitarrenmelodien einmal zusammengeschnitten:

 Die beiden Passagen (als MP3) übereinanderkopiert !!!

Beauftragt vom Gericht brütet ein renommierter Musikprofessor nun schon seit längerer Zeit über einer abschließenden Expertise.
Ein Urteil ist also noch nicht ergangen.
Und, wer weiß, vielleicht steht im Hause Winter ja schon der Sekt kalt!
Die Kirche des Örtchens Nordrach ist übrigens geweiht dem Heiligen Nepomuk,
seines Zeichens Schutzpatron gegen die Gefahren des Wassers –  und den ertränkte man vor 600 Jahren als Märtyrer: in der MOLDAU !

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SWR-"Zeitwort" vom 20.10.03
CANNONBALL ADDERLEY  & JOE ZAWINUL
                     "MERCY, MERCY, MERCY"

                                                 (von Lutz Neitzert)
 

Cannonball Adderley’s Anmoderation zu "MERCY, MERCY, MERCY"
("Sometimes we are not prepared for adversity... Well, I have advice for all of us.
I got it from my pianist Joe Zawinul, who wrote this tune. And it sounds like what you suppose to say when you have that kind of problem...: `Mercy, Mercy, Mercy´!")

Black Music als Balsam auf die Wunden des Alltags!
Tief verwurzelt in der Inbrunst des Spirituals entstand seit den späten 50er Jahren eine neue Stilrichtung im Jazz.
An die Stelle der Revoluzzer und Bürgerschrecks des Bebop, die kurz zuvor den guten alten Swing beerdigt hatten, trat nun eine neue Musikergeneration, in der man sich offenbar wieder sehnte nach wärmeren und eingängigeren Klängen - ohne jedoch damit zurückzufallen in die Arme der Schlagerindustrie.
Ein schwieriges Unterfangen - doch Erlösung fand man in der Kirche.
Man schleppte fortan solch typische Gottesdienstinstrumente wie die Hammondorgel oder ein altes "Wurlitzer-E-Piano" auf die Jazzbühne, integrierte gelegentlich auch einmal den ein oder anderen Gospelchor ins Arrangement – doch vor allem in der Musik selbst versuchte man, den mitreißenden Sprachduktus und –rhythmus schwarzer Prediger - wie etwa Martin Luther King’s - ins Jazzvokabular zu übersetzen und nachzuempfinden.
Und als Inbegriff und größter Hit des "Soul-Jazz" gilt eine Aufnahme des Julian "Cannonball" Adderley-Quintetts: "Mercy, Mercy, Mercy"!
Alle Kritiker jedenfalls und auch das Publikum waren sich damals darin einig, daß in diesem Stück endlich die beiden Ströme der afroamerikanischen Musikkultur,
Jazz & Gospel, zusammengeflossen und verschmolzen worden sind.
 

("MERCY, MERCY, MERCY")
 

Am 20.Oktober 1966 entstand die Aufnahme dieses Klassikers der Jazzgeschichte.

Black Music!
Und wer hat’s geschrieben?
Ausgerechnet ein Komponist und Pianist mit einem so geringen Pigmentanteil im bleichen Teint, daß ihn das – von Natur aus – dafür doch eigentlich hätte disqualifizieren müssen.
Joseph (nachmals "Joe") Zawinul aus Österreich landete 1959 als Stipendiat des "Berklee College" in den USA und galt bald schon als der neue Bunte Hund der
New Yorker Jazzszene.
Rückblickend bekannte er einmal, in der Nachkriegszeit in einem perfiden Sinne eigentlich selbst "Rassist" gewesen zu sein. Er und seine Freunde hätten damals nämlich nur den Schwarzen im Jazz das echte Feeling für diese Musik zugestanden.
Und so ist es eine erhellende Ironie der Musikgeschichte, daß eben ausgerechnet ein am "Wiener Konservatorium" (an Mozart & Haydn) geschultes bleichwangiges Wunderkind aus der "Josephstadt" die bekannteste Melodie der schwarzen Bürgerrechtsbewegung erschaffen sollte.
Es war die Hochzeit der Protestdemonstrationen des "Civil Rights Movements" und gerade die Jazzmusiker sahen sich als die Avantgarde der Emanzipation.
Man nahm Stellung – auf der Bühne ebenso wie in Manifesten oder Interviews – und unterstützte einschlägige politische Organisationen.
Adderley und Zawinul etwa rührten vor allem die Werbetrommel für die humanitären
Aktivitäten ihres Freundes (des späteren demokratischen Präsidentschaftskandidaten) Jesse Jackson, der in der Anmoderation eines ihrer Benefiz-Konzerte einmal sagte:
"Auch wenn es hart zugeht und gemein in den Ghettos und eine Menge widerwärtiger Dinge geschehen, geht aufrecht Euren Weg weiter!
You have to walk tall!"
  "Walk Tall" hieß übrigens dann auch eine andere Zawinul-Komposition aus jener Zeit.
Es herrschte Apartheid in den USA und er sollte sie auf verquere Weise am eigenen Leib erfahren.
Vor allem die Militanteren unter den "Black Muslims" drängten den Saxophonisten Adderley damals, Zawinul vor die Tür zu setzen und stattdessen einen schwarzen Pianisten in seine Band zu holen - Vertreter jenes islamistischen Flügels der "Black Power", der ja auch heute noch (ganz brisant nach dem 11. September!) den Ton angibt.
Diese Feindschaft von unerwarteter Seite führte schließlich zu solch grotesken Situationen, daß er sich bei Fahrten durch die Schwarzenviertel im Bandbus unter dem Sitz verstecken mußte und auch eine Übernachtung im Haus eines farbigen Musikerkollegen wurde zu einem heiklen Unterfangen.
Die Ungerechtigkeit der amerikanischen Gesellschaft führte eben zu den unterschiedlichsten Konflikten und Widersprüchen in allen Lebensbereichen.
Und dazu gehörte es vielleicht auch, daß Zawinul, ob er es nun wollte oder nicht, gerade durch die Millionenauflage seiner Hymne der Unterprivilegierten selbst zu einem der wohlhabendsten aller Jazzmusiker geworden ist.
Und wie pflegte er sich zu bedanken für all die zahlreichen Ehrungen,
die ihm aus Anlaß seines 70sten Geburtstages im vergangenen Jahr zuteil geworden sind: "Merci vielmals!"
 

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SWR-"Zeitwort" vom 23.4.05
AM 23. APRIL 1995 KOCHT BLIXA BARGELD EIN TINTENFISCHRISOTTO BEI "ALFREDISSIMO"
                                                                   (von Lutz Neitzert)

MUSIK: aus "SCHWARZ" von den "Einstürzenden Neubauten" (Mute Records Stumm 14)

Die "Einstürzenden Neubauten" um ihren Sänger und Zeremoniemeister Blixa Bargeld versuchten anfangs der 80er Jahre den Punk zu intellektualisieren und in eine Avantgardekunst zu verwandeln. Dazu veranstaltete man apokalyptischen Lärm mit einem Instrumentarium aus Schrottobjekten, Ölfässern und Stahlplatten traktiert mit Presslufthämmern und Schleifhexen.
"Höre mit Schmerzen", "Fünf auf der nach oben offenen Richterskala", "Kollaps", "Negativ-Nein" oder "Kalte Sterne" hießen die ersten Aufnahmen –
und auch seinen legendären Auftritt heute vor 10 Jahren, am 23. April 1995, in Alfred Biolek’s Kochshow "Alfredissimo" zelebrierte Blixa ganz standesgemäß in schwarzem Hemd und schwarzer Hose. Zwar waren die "Neubauten" zu dieser Zeit musikalisch bereits wesentlich ruhiger geworden und zudem zu Lieblingen des Feuilletons aufgestiegen, aber für ein kleines unheilschwangeres Happening zwischen Töpfen und Pfannen, dafür sollte es dann doch immer noch reichen.
"Am Risotto-Kochen mag ich das Meditative," dozierte er: "...das geduldige Rühren und speziell beim Sepia-Risotto die alchimistische Transformation, wenn sich der Reis langsam mit der schwarzen Tinte vereinigt!"
Ein anderes Mal bezieht er sich auf einen seiner seelenverwandten Lieblingsphilosophen, Marsiglio Ficino, einen obskuren Querdenker aus dem Florenz des 15. Jahrhunderts, der in seiner Lehre ein Loblied auf die Melancholie gesungen und dabei nicht nur eine Kunst, sondern sogar eine Kochkunst des Trübsinns gefordert habe.
Und einem bekennenden Küchenmystiker wie Bargeld dürfte es sicher gefallen, daß sich seine Tintenfischtinte auch im Medizinschrank der Homöopathen wiederfindet. Schon ihr Schöpfer hat ihr dort ein naheliegendes Anwendungsgebiet zugewiesen. Gemäß seiner (etwas schlichten) Logik, wonach man Gleiches mit Gleichem kurieren müsse, folgerte Samuel Hahnemann scharfsinnig eine Heilwirkung gegen weibliche Depressionen und die Verdunkelungen der Seele in den Wechseljahren.

("ALFREDISSIMO"-Jingle)

Und womit konterte Bio damals den Kopffüßler-Nihilismus seines nachtschattigen Besuchers?
Nun, sauerländisch – zumindest vom Namen her: mit einem "Salat Olpe" !

Die den Kochprozeß wie üblich begleitende Konversation zu Weiß- und Rotwein verlief zwar in Biolek-typischer Nettigkeit – wenngleich etwas wortkarger als gewöhnlich –
die kulinarische Konstellation aber, die erinnerte doch noch irgendwie ein wenig an jene Zeit, in der man Generationenkonflikte sogar mit dem Kochlöffel austragen musste, als man in linken Künstler- und Intellektuellenkreisen die mediterrane Küche entdeckte als alternative Esskultur und sich im Kampf gegen das gut-spießbürgerliche Jägerschnitzel demonstrativ mit Vino Tinto zuprostete, um sich dann noch eine Lasagne in die Röhre zu schieben.

Benannt hatte sich Blixa Bargeld’s Band übrigens unter dem tatsächlichen Eindruck eines spektakulär einstürzenden Neubaus.
1980 fiel die Berliner Kongreßhalle in sich zusammen – im Volksmund genannt: die "schwangere Auster".
Meeresfrüchte!
Blixa Bargeld hat ganz offenbar ein besonderes Faible dafür. Mit N.U. Unruh, Jochen Arbeit, F.M. Einheit und den anderen "Neubauten" vertonte er – auf einer Platte mit dem schönen Titel "Strategien gegen Architektur" – noch einen anderen Klassiker der italienischen Küche, die "Scampi alla Carlina" – in Olivenöl gedünstete Steingarnelen mit Tomatensoße, Kapern und Petersilie.

Im "Spiegel"-Interview sagte er einmal rückblickend über seine gelungene Performance bei "Alfredissimo":
"Das war super, seitdem kennt mich endlich auch mein Zeitschriftenhändler. Ich habe das Gericht zubereitet, das ich am liebsten mag, Risotto Nero eben. Und der große Moment, als ich die schwarze Soße über den weißen Reis gekippt habe, hat Bio sprachlos gemacht. Und das habe ich genossen. Die Stille war, wie immer, der schönste Moment !"
Der abschließende Kommentar des sichtlich beeindruckten Gastgebers zum maritimen Menü seines süffisant lächelnden Gastes lautete nicht wie bei ihm sonst üblich "lecker" oder - bei eher missratenen Kreationen - "mmh - interessant",
sondern er wiegte schwer sein Haupt und sagte dann: "Ganz außerordentlich !"

Eine Geschmacksfrage der besonderen Art diskutierte man zuletzt auf einer Internetseite mit dem schön schauerlichen Namen "Nachtwelten", einem Forum für die Anhänger von finsterer Darkwave- und Gothic-Musik. Dort schrieb jemand: "Was isst ein Gruftie ?
Man sollte einmal eine Liste von Gerichten zusammenstellen, die man mit gutem schwarzen Gewissen zum Munde führen kann.
Rezepte aus Transsylvanien vielleicht – oder eine Speise, die sich durch eine tiefschwarze Färbung auszeichnet - ohne freilich angebrannt zu sein.
Wie wäre es also mit jenem Tintenfischrisotto, welches Blixa Bargeld dereinst bei Alfred Biolek kredenzt hat ?!"

("SCHWARZ" von den "Einstürzenden Neubauten")
 

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SWR-Zeitwort vom 13.5.05
CHET BAKER STÜRZT AM 13. MAI 1988 AUS EINEM AMSTERDAMER  HOTELFENSTER IN DEN  TOD
                                                                                 (von Lutz Neitzert)

(CHET BAKER "MY FUNNY VALENTINE")

Die Geschichte von Chet Baker läßt sich nicht erzählen ohne die Klischees einer schicksalsschwangeren Künstlerbiographie.
Eine behütete weiße Kindheit – mit einem Country-Gitarristen als Vater und einer Mutter, die ihn frohgemut von einem Talentwettbewerb zum nächsten schleppte.
1946 marschierte er als GI in einer Militärkapelle durch die Bombenkrater Westberlins, bis ihn die Armee wegen "psychischer Probleme" vorzeitig – aber immerhin "ehrenhaft" – entließ.
Er hörte auf, Märsche zu blasen und entdeckte stattdessen am anderen Ende des musikalischen Universums jenen Sound, der ihn berühmt machen sollte.
Als der "James Dean des Cooljazz" trat er ins Rampenlicht und der sensible bleiche Jüngling wurde über Nacht zum Star – in Musikmagazinen ebenso wie im "Playboy".
Sein vibratolos verhangener Trompetenton drückte eine vollkommen neue Art von Großstadt-Melancholie aus.
Ein Kritiker meinte einmal: "Man ist nach einem Solo von Chet Baker nicht geneigt, aufzuspringen und `Yeah´ zu rufen. Dann sitzt er da, vornübergebeugt wie ein Fragezeichen - vollkommen regungslos. Und man denkt beinahe: Sollte er etwa gestorben sein?" 1

Aber das glamouröse erste Kapitel seiner Karriere endete auf der düsteren Kehrseite des Rausches – wo er während einer Jagd nach dem nächsten Schuß von konkurrierenden Fixern halbtot geprügelt wurde. Sämtliche Vorderzähne hatten sie ihm ausgeschlagen. Für einen Trompeter eigentlich das Ende.
Doch mit falschem Gebiß und entgleisten Gesichtszügen gelang ihm in den 70ern noch einmal ein Comeback – und er übersiedelte nach Europa, wo man Jazzlegenden – anders als in Amerika – auch nach ihrem "ökonomischen Verfallsdatum" noch in Ehren hält.
Gerne erinnerte er sich an sein erstes Gastspiel am "Deutschen Eck":
"In Koblenz packte uns der Leiter des dortigen Jazzclubs in seinen Benz und wir besichtigten eine Burg nach der andern. Am Ende aber landeten wir dann in seinem Weinkeller und hatten eine gute Zeit!" 2
Doch anders als die großen Virtuosen konnte er sich niemals auf die Routine seiner Finger verlassen.
In Augenblicken ohne Inspiration blieb von seiner intimen Kunst oft nur ein sinn- und formloses Gestammel.
Und mit einem labilen Nervenkostüm - entweder sediert mit Heroin oder hochgepuscht mit Kokain -
verwahrlost – meist mit ebenso schäbigen geliehenen Trompeten – zog er durch die Clubs und hinterließ an einem Abend ein verzaubertes und am nächsten ein konsterniertes Publikum:
"Diesmal ließ er den vollbesetzten Saal mehr als eine Stunde in der Ungewißheit seines Erscheinens. Schon wurde die Rückzahlung des Eintrittsgeldes angekündigt - da traf er doch noch ein. Wankend, fast orientierungslos setzte er sich und versuchte vergeblich, `Just Friends´ zu singen. Er nahm sein Instrument und entrang ihm kaum mehr als ein paar Blasgeräusche. Man fühlte sich plötzlich wie ein Voyeur, der sich an einer menschlichen Tragödie ergötzt, wenn Baker minutenlang apathisch zusammengekauert, mit abgewandtem Gesicht da saß, während seine Mitspieler verzweifelt auf seinen Einsatz warteten..." 3

Doch seine Exzesse waren nicht die branchenüblich kalkulierten Selbstinszenierungen eines Stars. Es ging ihm zu oft wirklich dreckig.

Dabei verdiente er nicht wenig - aber alles Geld floß umstandslos in seine Venen oder den Tank seines geliebten Alfa Romeo.

Immer wieder zog es ihn - aus naheliegenden Gründen - nach Amsterdam – ins Bahnhofsviertel.
Zuletzt auch im Frühjahr 1988.
Und dort muß er dann - weit nach Mitternacht - mit seiner Trompete auf einer Fensterbank im zweiten Stock des Hotels "Prins Hendrik" gesessen haben – ehe er ein letztes Mal sein Gleichgewicht verlor.

Geboren wurde er 1929 - einen Tag vor Heiligabend –
gestorben ist er heute vor 17 Jahren – am Freitag, dem 13. Mai 1988 –
einen Tag nach Himmelfahrt.

Es dauerte 12 Stunden bis seine Identität feststand.
Für die Polizeibeamten war "Chesney Henry Baker aus Oklahoma", wie es auf seiner Hotelanmeldung hieß, nur ein weiterer armer Junkie, den das Schicksal endlich erlöst hat.

Seine europäischen Freunde wollten ihn, so wie sie in kannten, in T-Shirt und Jeans beerdigen – doch seine Mutter verfügte es anders:
"So kommt mir der Junge nicht nach Hause!"
In Los Angeles hat man ihn dann schließlich zu Grabe getragen.
In einer ziemlich lieb- und würdelosen Zeremonie - aber immerhin in Anzug und Krawatte!

Als er zwei Wochen vor seinem Tod für Aufnahmen mit der NDR-Bigband nach Hannover kam, da hatten die Proben ohne ihn stattfinden müssen. Der Pförtner hatte dem vermeintlichen Landstreicher den Zutritt zum Funkhaus verwehrt.

Auf der postum erschienenen CD befindet sich auch noch einmal jenes Stück, das ihn berühmt gemacht hatte:

"My Funny Valentine" !

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SWR-Zeitwort vom 14.3.09                                     

              14. März 1980 - Das Zeitmagazin schreibt: "POPPER sind proper"
                                                           
(von Lutz Neitzert)

Schon geruchlich unterschied man sich deutlich von den Gleichaltrigen:
Chanel, Davidoff und Mentholzigaretten statt Patschouli, Bierfahne und Gauloises - und zum ersten Mal parfümierten sich sogar die Jungs.
Exklusiv duftend machte man sich Feinde - in der linken Szene -
vor allem aber bei den Punks:
(Artless "Mein Bruder ist ein Popper")  "Wie siehst Du aus, was hast Du an? Mein Bruder ist ein Popper...!"

Die ersten Exemplare wurden in den Nobelvierteln Hamburgs gesichtet.
Am 14. März 1980 berichtete das Zeitmagazin - unter dem Motto "Popper sind proper" - erstmals über eine neue Teenager-Spezies:
"
Samstagabend, halb acht. Party in Pöseldorf. Modische Grüppchen, die sich konservativ geben. Nicht `anti´ wollen sie sein, sondern ganz `in´. Eine Avantgarde der Angepaßten. Die Popper - ihr Name ist ein Gegenbegriff zu Rocker. Mit einem Auge, das andere ist vom schweren Vorhang einer Tolle verdeckt, begutachten sie einen von Kopf bis Fuß: Prolo-Probe! `Immer noch besser als Hasch und Kneipen´, sagt eine Mutter - und alle drei Wochen sind dann 35 Mark für den Friseurbesuch des Sohnes fällig !"
Kurz darauf informierte dann auch die Bravo ihre jungen Leser über jene Pöseldorfer Schnösel - als neue Trendsetter unter der Rubrik "Mode-Tips":
"Wie wird man Popper?
Das oberste Gebot ist: `immer schön cool bleiben´!
Die Trenchcoats zwei Nummern zu groß.
Auch Flanell- oder Kamelhaar-Mäntel sind erlaubt."
Der "Popper Knigge" schließlich, der stammte aus der Feder der Eimsbütteler Gymnasiastin (und späteren TAZ-Redakteurin) Carola Rönneburg.
Eigentlich war die kleine, im Eigenverlag gedruckte, witzig illustrierte Broschüre gedacht als eine Schmähschrift gegen einige hochnäsige Mitschüler. Die aber sahen darin wohl eher einen Ratgeber - mit solch einleuchtenden Empfehlungen, wie etwa der, sich zuhause doch
einen großen Spiegel ins Zimmer zu hängen - zur ständigen Selbstkontrolle und für die notwendigen, umfangreichen Partyvorbereitungen.
Denn:

"Sehen und Gesehenwerden, sind des Poppers Glück auf Erden !"
Bald gab es sie auf jedem Gymnasium - wenn auch zumeist eher am Rande des Schulhofs.
Die Rettung der Tanzschulen und der Jungen Union sind sie gewesen - aber auch die erste sichtbare Verkörperung einer neuen, materialistischen und unverhohlen elitären Jugendkultur.
Wie ihre englischen Vorfahren, die Mods der 60er Jahre, fuhren die Popper auf Motorrollern der Marke Vespa durch die Gegend oder - wenn der Geldbeutel des Vaters es erlaubte - im Golf-Cabrio.
Einen eigenen Modestil hatten sie - aber (im Gegensatz zu allen anderen Jugendsubkulturen) nie einen eigenen Musikstil.
Man hörte lieber Pop als Rock - vor allem aber mußte das Outfit der Musiker akzeptabel sein. Modebewußte britische Bands wie "Roxy Music" oder die "Pet Shop Boys" genügten den Ansprüchen, ebenso ein fönfrisiertes Duo namens "Modern Talking" oder auch die Gruppe "Alphaville":

(Alphaville "Forever young") "...Forever young, I want to be forever young...!"
Aus Poppern wurden Yuppies.
Und anstatt sich auf Demos gegen Atomwaffen oder Kernkraftwerke blicken zu lassen, diskutierte die "Generation Golf" eingehend ihre Karrierepläne, ehe sie typischerweise ein BWL-Studium begann, von VW auf BMW umstieg, um anschließend Unternehmensberater zu werden oder Investmentbanker.
Ob allerdings nicht so manchem ehemaligen Popper heute - beim Blick in sein Depot und in den Dax und in den Dow - der Angstschweiß ausbricht und die Erkenntnis reift, daß auch Geld stinken kann ?!

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SWR-"Zeitwort" vom 7.3.05          

IN DER DDR GEHT AM 7. MÄRZ 1986 DER RUNDFUNKKANAL "JUGENDRADIO DT-64" AUF SENDUNG

 
HONECKER: "Über eine lange Zeit hat DT-64 in seinem Musikprogramm einseitig die Beatmusik propagiert. Dabei wurde übersehen, daß der Gegner diese Musik ausnutzt, um durch die Übersteigerung der Beatrhythmen Jugendliche zu Exzessen aufzuputschen !" 

 Die Vorgeschichte des späteren DDR-Jugendradio-Kanals DT-64 begann im Rahmenprogramm des "Deutschlandtreffens 1964" - daher auch der Name.
Über eine halbe Million Besucher – auch viele aus dem westlichen Ausland – waren damals, in einer kurzen Phase ideologischen Tauwetters, drei Jahre nach dem Mauerbau, der Einladung zu einem Festival nach Berlin gefolgt.
Und unter dem Kürzel "Sonderstudio DT-64" gab es im staatlichen Hörfunk für die Veranstaltungsteilnehmer ein musikalisches Liveprogramm.
Damals, zur Hochzeit der "Beatle-Mania" also, gestattete die SED zum ersten Mal die Ausstrahlung amerikanischer und englischer Popmusik in den Äther der DDR.
Der Erfolg der Sendung war so groß, daß das Ostberliner Radio hernach dieses Etikett für ein  Teenagermagazin weiter verwendete.
Allerdings begann man schon im Jahr darauf - kulturpolitisch zutiefst erschrocken - wieder zurück zu rudern.
Auf dem berühmt-berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED warnte Erich Honecker, wie gehört, mit schriller Stimme vor subversiven Einflüssen und sein Parteivorsitzender, Walter Ulbricht,  stellte – in gleicher Tonlage - die rhetorische Frage, ob man denn wirklich "jeden Dreck, der vom Westen kommt", übernehmen müsse.
Einsehen mußte man jedoch längst auch im Zentralkomitee, daß man sich dem internationalen Zeitgeist gegenüber eindeutig in der Defensive befand.

Und genau so agierte man:
Die Tanzlehrer im Lande erhielten den Auftrag, dem dekadenten "Twist" mit einer volkseigenen Alternative, dem "Lipsi", entgegenzutreten, eine Jeansmarke mit dem Namen "Genex" stellte man auf verlorenen Posten gegen "Levis" und "Wrangler" und die staatlich geförderte "Singebewegung" sollte ein Pendant werden zur gerade aufblühenden westlichen Liedermacherszene.
Doch all das half am Ende nur wenig.
Die DDR bekam ebenso ihre Gammler und Hippies wie die BRD und später dann auch ihre Punker und ihre Skinheads.
Am 7. März 1986, ging unter dem Namen "Jugendradio DT-64" ein musikalisches Vollprogramm auf Sendung. Eine Fusion des alten "Jugendstudio DT-64" mit "Hallo", dem Jugendjournal der "Stimme der DDR", die sofort zur Nische werden sollte für allerlei subkulturelle und oppositionelle Strömungen - zwischen Irokesenschnitt und Heavymetal-Mähne:

 "DT-64"-Jingle

Man präsentierte regelmäßig die internationalen Charts, in Servicesendungen übersetzte man auf Anfrage die englischen Texte und einen Sendeplatz reservierte man eigens für die Raubkopierer am heimischen Cassettenrecorder, denen man ihre kompletten Wunsch-LPs überspielte.
Und man kümmerte sich vor allem um randständige Subkulturen.
So sollte nicht, wie Honecker es einst geargwöhnt hatte, die Beatmusik zum Soundtrack werden für den Abgesang der DDR, sondern der Punk.
Und den ersten einschlägigen Sendeplatz fand dieser neue Sound in der DT-64-Reihe "Parocktikum":

Feeling B: "ARTIG"

Punkbands mit solch suspekten Namen wie "Feeling B", "Die Körper der Einfalt", "Expander des Fortschritts", "Deka Dance", "Kaltfront" oder "Skeptiker" nutzten – mit einem wenig staatstragenden Repertoire - entschlossen ihre Chance.
Neben dem Abspielen von Undergroundmusiken verstanden sich die Redakteure aber immer auch als Moderatoren gesellschaftlicher Diskurse.
Und so war es selbstverständlich, daß schon lange vor dem 9. November 1989 kaum verhohlen die Ideen des "Neuen Forums" propagiert und tendenziöse Reportagen von den ersten "Montagsdemonstrationen" gesendet wurden.
In die Schlagzeilen geriet DT-64 dann noch einmal nach der Wende.
Im Zuge der "Abwicklung" der Deutschen Demokratischen Republik stand man vor dem Aus.
Und erst der massenhafte Protest seiner Hörer – 10.000 etwa gingen 1991 allein in Dresden auf die Strasse – rettete den Sender, der schließlich gemäß Artikel 36 des "Einigungsvertrages" ins öffentliche-rechtlich System intergiert wurde.
Und so sendet DT-64 seither (mit dem Namenszusatz "Sputnik" versehen) als Satellitenkanal des Mitteldeutschen Rundfunks aus dem Orbit.
Mit "Sputnik" erinnert man übrigens an eine symbolträchtige Episode aus der Sendergeschichte:
1988 wurde ein gleichnamiges sowjetisches "Glasnost"-Magazin in der DDR verboten. Ein Vorgang, den DT-64 damals kommentiert hatte einem Song der Gruppe "Pankow": "Aufruhr in den Augen"!
Nun, der Aufruhr ist vorbei - und auch an den Musikanten ist die Zeitenwende nicht spurlos vorüber gegangen: aus der Punkcombo "Feeling B" etwa wurde nach der Wiedervereinigung das brachiale Deutschrock-Orchester "Rammstein"!

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SWR-Zeitwort am 30.4.09                                             

     In der Walpurgisnacht 1988 kommt es in Potsdam zum   größten Treffen der DDR-Grufti-Szene

 
Gruftis
, Gothics oder Dark Waver - in einer entlegeneren, schlecht beleuchteten Ecke der Popwelt tummeln sich seit Mitte der 80er Jahre leichenblasse Gestalten, die Edgar Allan Poe, Bram Stoker oder Friedrich Nietzsche lesen, dabei düsteren Klängen lauschen und Stunden vor dem Spiegel verbringen, ehe sie sich zusammenrotten in alten Ruinen oder auf Friedhöfen. Ihr wichtigsten Festival findet alljährlich zu Pfingsten in Leipzig statt. Das "Wave Gotik Treffen", dessen Gründer, Michael W. Brunner, schon zu DDR-Zeiten schwarze Feste veranstaltete.  

 Subway to Sally: "Sabbat"
("Die Nacht ist heut' gewitterschwer. Der Berg ist voll von Lärm und Licht.
Und im heißen Fackelmeer hat nichts mehr menschliches Gesicht.
 Trommeln schlagen, Funken fliegen. Alles kreischt aus vollen Lungen. Und im Kreis der Feuer liegen nackte Leiber eng umschlungen
...")
Nun, ganz so blasphemisch und obszön dürfte es in Potsdam vermutlich dann doch nicht zugegangen sein in der Walpurgisnacht des Vorwendejahres 1988.

Eine neue Mode, die Dark Wave, die schwarze Welle, war gerade in den Osten der Republik geschwappt, als Michael w. Brunner dort ein verfallenes Gemäuer entdeckte:
"Ich hatte in Potsdam einige Schwarze getroffen und sie hatten mir das Schloß `Belvedere´ gezeigt. Nicht das berühmte im Park von Sanssouci, sondern jenes auf dem Pfingstberg. Der Berg heißt wirklich so. Spontan entstand die Idee, hier gemeinsam einen verwunschen-romantischen Abend zu verbringen. Wir haben einige Freunde angerufen - in Berlin, Halle und Leipzig - einen wunderbaren Kartoffelsalat gezaubert, Strickleitern geflochten, mit denen wir die Mauern übersteigen wollten und Scheuerlappen in Wachs getränkt - als Fackelersatz..."

Die nach dem gleichnamigen Genre angelsächsischer Schauergeschichten benannten Gothics umweht stets ein gepflegter Hauch von Melancholie - ganz im Gegensatz zur satanistischen Fraktion innerhalb der Heavy Metal-Szene. Man liebt und zelebriert das Morbide und die Schwarze Magie, legt Tarotkarten und liest friedhofsromantische Gruselstories oder nihilistische Philosophen.
Zwar schaut man dabei ziemlich finster drein aus bleichem Gesicht, aber eigentlich ist man ja viel zu traurig, um so richtig böse zu sein.
In der DDR war realsozialistisches Improvisationstalent gefragt, wenn man sich als bekennender Grufti eine standesgemäße Ausstattung besorgen wollte. Dunkle Gewänder, Silberschmuck und auch den Kajalstift für den Trauerrand um die lebensmüden Augen gab es höchstens auf dem Schwarzmarkt. Zum Haarefärben verwendete man ein Fußdesinfektionsmittel und auch Drogen waren Mangelware. Man schnüffelte Fleckentferner oder mißbrauchte Schmerztabletten - der Marke Faustan:
"Die gab es leider nur auf Rezept und mußten den Migräne-Müttern geklaut werden...!"
...erinnert sich Brunner.
Dennoch stylte sich die Szene ziemlich perfekt nach westlichem Vorbild - und bald gab es auch die ersten einschlägigen Bands.
Subway to Sally
etwa - oder Rosengarten:

ROSENGARTEN: "Sein Schein"
("...Nacht für Nacht starr ich schwitzend auf's Fenster - Visionen aus Stahl hämmern tief in mir. Sehe bleiche Gesichter in schwarzen Gewändern - mir schießt durch den Kopf: ` Die wollen zu Dir !´...")

 "Wir freuten uns auf eine nächtliche Feier mit einem Dutzend guter Freunde. Aber offenbar hatte sich die Sache wie ein Lauffeuer in der halben DDR herumgesprochen. So stand ich gegenüber den Massen und war erst einmal gründlich baff. Wir waren bestimmt 150 Leute.
Unterwegs hat dann die Polizei zugegriffen. Einige wurden auf den Bahnhof gefahren und in einen Zug gesetzt. Andere landeten in Untersuchungshaft. Es kamen aber immer mehr dazu und wir gingen einfach weiter friedlich spazieren..."

Mehr noch als in der BRD blieb die Grufti-Szene in der DDR eine echte, konspirative Subkultur. Von der Öffentlichkeit und den verachteten Stinos -den Stinknormalen - selten wahrgenommen, finden sich auch Berichte über ihre Aktivitäten kaum einmal in offiziellen Musik- oder Jugendzeitschriften - eher schon in Stasi-Akten.
"Wir flüchteten dann in den Wald, versteckten uns eine Weile. In einem kleineren Kreis von 40 bis 50 Leuten haben wir schließlich die Nacht in der alten Ruine auf dem Pfingstberg verbracht. Am nächsten Morgen hat sich der Rest von uns dann zum wohl ersten `Schwarzen Block´ in einer staatlichen Demo zum 1. Mai formiert. Es war unvergeßlich !"
Auch heute noch veranstaltet man übrigens in Potsdam alljährlich eine Walpurgisnacht.
Allerdings nicht für Gruftis, sondern als fröhliches Familienfest - mit der eher putzigen Oberhexe Bibi Blocksberg!

 ROSENGARTEN: "Komm"
("Wenn der Sturm Dir ins Gesicht bläst und der Frust Dir den Atem nimmt - komm doch! ")

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Weitere "ZEITWORTE": (Alle Manuskripte der Sendungen ab 1997 auf Anfrage per E-Mail)  

"Raumpatrouille - Orion" (17.9.10)
"Joy Fleming nimmt ihren `Neckarbrückenblues´ auf" (29.6.10)
"Waltzing Matilda" (6.4.10)
"Der Haar(netz)erlaß in der Bundeswehr" (5.2.10)
"Ein Herz und eine Seele" (15.1.10)
"Monty Python's Spam-Sketch" (15.12.09)
"Der Grubenhund" (17.11.09)
"All Blacks on Top 10" (9.10.09)
"Die ersten TV-Lacher aus der Konserve" (9.9.09)
"Brian Eno komponiert die Windows 95-Erkennungsmelodie" (15.8.09)
"Der DFB führt 1933 den Hitlergruß vor Fussballspielen ein" (7.8.09)
"Uruguay gewinnt das olympische Fussballturnier 1924" (9.6.09)
"Walpurgisnacht in Potsdam - Grufties in der DDR" (30.4.09)
"Die Popper kommen"  (14.3.09)
"Aus der Broad- wird die Telecaster" (20.2.09)
"Johnny Cash - Live at Folsom Prison" (13.1.09)
"(Ton Steine Scherben) Nikel Pallat's Axthieb" (3.12.08)
"Die Computermaus wird patentiert" (17.11.08)
"Bernhard Grzimek: Ein Platz für Tiere" (28.10.08)
"Scott E. Fahlman digitalisiert das Smiley" (19.9.08)
"Das letzte Konzert von Ton Steine Scherben" (6.3.08)
"Der `Blusen-Skandal´ bei Wünsch Dir was" (7.11.05)
"Eric Clapton's Layla" (9.9.05)
"Ein Mord in der norwegischen Blackmetal-Szene" (10.8.05)
"Ravi Shankar in Monterey" (16.6.05)
"Chet Baker stirbt" (13.5.05)
"Blixa Bargeld kocht in Bio's Alfredissimo ein Tintenfischrisotto" (23.4.05)
"DDR Jugendradio DT-64" (7.3.05)
"CONCERT FOR BANGLADESH" (9.2.05)
"BEGGAR'S OPERA" (29.1.05)
"The Who & My Generation" (13.10.04)
"Krzysztof Komeda" (23.4.04)
"Cannonball Adderley & Joe Zawinul: Aufnahme des Titels Mercy, Mercy, Mercy" (20.10.03)
"Erstes Konzert von FLEETWOOD MAC" (12.8.03)
"Erster WDR-Rockpalast" (23.7.03)
"Erster Auftritt der TOTEN HOSEN" (29.4.03)
"NORDRACH (Jürgen Winter) vs STILL GOT THE BLUES (Gary Moore)"  (29.3.03)
"FEHLFARBEN"  (25.2.03)
"TODESSTRAFE IN DEN USA" (13.3.02)
"MILES DAVIS FAHRSTUHL ZUM SCHAFOTT"  (4.12.01)
"YES"  (26.11.01)
"ARCHIE SHEPP"  (12.10.01)
"DIE ERSTEN BERLINER JAZZTAGE 1964" (27.9.01)
"DER WELTREKLAME-KONGRESS 1929"  (15.8.01 + 07)
"DAS ENDE DER PERRY LANE" (21.7.01)
"HEROIN WIRD PATENTIERT" (26.6.01)
"DAS SGT.PEPPER'S-COVER"  (26.5.01)
"HAILE SELASSIE BESUCHT (REGGAE-)JAMAIKA"  (21.4.01)
"WILDFÜTTERUNG LIVE! Ein Fernsehhit der 50er" (24.3.01)
"BUDDY HOLLY stirbt - The Day the Music died" (3.2.01)
"WOLFGANG NEUSS VERRÄT DEN HALSTUCHMÖRDER" (16.1.01)
"JIM MORRISON / DOORS" (9.12.00)
"EINFÜHRUNG DER MAZ IM FERNSEHEN" (30.11.00)
"ALLEN GINSBERGs 'Howl' " (13.10.00)
"BELA LUGOSI (is dead)" (16.9.00)
"CHAOSTAGE DER PUNKS" (7.8.00)
"DAS ERSTE FARBFERNSEHPROGRAMM" (7.7.00)
"FILLMORE EAST" (27.6.00)
"CLEMENS WILMENROD - Der erste TV-Koch" (16.5.00)
"UNSER DORF SOLL SCHÖNER WERDEN" (15.4.00)
"DIE ERSTE DEUTSCHE TALKSHOW" (4.3.00)
"DAS MAGAZIN 'JAZZ-HOT'" (21.2.00)
"ZUM ERSTEN MAL 'PLAYBACK' IM DEUTSCHEN FERNSEHEN" (4.1.00)
"CREAM - Letztes Konzert" (26.11.99)
"GORDON WASSON - Der Banker und die Zauberpilze" (23.12.99)
"Die erste FOTOKOPIE" (22.10.99)
"MEZZ MEZZROW" (5.8.99)
"DER GOLDENE SCHUSS" (15.7.99)
"DER FLOHWALZER" (24.4.99)
"FLOYD'S GUITAR BLUES"  (16.3.99)
"ERSTE GOLDENE SCHALLPLATTE (AN G.MILLER)" (10.2.99)
"MILES DAVIS' BIRTH OF THE COOL" (21.1.99) + (21.1.05) + (21.1.10)
"WEMBER'S FILM WIE INFORMIERT DAS FERNSEHEN" (11.12.98)
"B.B.KING"  (21.11.98)
"JAZZVERBOT IM III. REICH" (12.10.98)
"FESTIVAL AUF FEHMARN 1970" (5.9.98)
"STANLEY JORDAN"  (31.7.98)
"YELLOW SUBMARINE" (17.7.98)
"ERSTE FOLGE VON DALLAS" (30.6.98) (Wdh. 21.9.01 in SWR I)
"JOHANN SCHRAMMEL UND DIE SCHRAMMEL-MUSIK" (22.5.98)
"JOHNNY WINTER"  (23.2.98)
"KLAUS HEUSER/BAP" (27.1.98)
"ROLLING STONES IN ALTAMONT"  (6.12.97)
"ERSTES KONZERT DER SEX PISTOLS"  (6.11.97)
"ELVIN JONES"  (9.9.97)
"LILI MARLEEN"  (2.8.97)
"BUSTER BAILEY"  (19.7.97)
"DAVID GAHAN/DEPECHE MODE" (9.5.97)
"GLENN GOULD"  (10.4.97)
"LETZTES KONZERT DER SEX PISTOLS" (14.1.97)
"BILL HALEY IM BERLINER SPORTPALAST" (26.10.96)
"CARL EINSTEIN'S SCHLIMME BOTSCHAFT" (31.7.96)
"JOHN COLTRANE" (17.7.96)
"SAM WOODING / ERSTE JAZZBAND IN DEUTSCHLAND" (25.5.96)
"PATENT AUF FENDER'S STRATOCASTER" (10.4.96)
"ASTOR PIAZZOLLA"  (11.3.96)
"EINFÜHRUNG DER 45er-SINGLE" (1.2.96)
"BÖHSE ONKELZ AUF DEM INDEX"  (30.8.95)
"ELTON JOHN IN DER UDSSR" (22.5.95)
"BENNY GOODMAN IN DER CARNEGIE HALL" (16.1.95)
"LETZTES KONZERT DER BEATLES" (29.8.94) (Wdh. 2002)
"MILES DAVIS' BITCHES BREW" (19.8.94)
"BESSIE SMITH" (15.4.94)